Der Pflegenotstand wirft seine Schatten voraus: Mehr ältere Menschen, weniger Pflegekräfte, steigende Kosten. Der demografische Wandel stellt die Pflege vor strukturelle Herausforderungen, die politisch und gesellschaftlich intensiv diskutiert werden – auch mit Blick auf präventive Ansätze, die Pflegebedürftigkeit von vornherein reduzieren. Rosenheim erprobt genau das bereits in der Praxis. Das Projekt „Sozialraumorientierte Hilfen im Alter“ bringt Sozialraumlots*innen in die Stadtteile, die ältere Menschen frühzeitig, niedrigschwellig und persönlich begleiten. Startklar im Alter, ein neu gegründeter Tochterbetrieb der Startklar-Gruppe mit Sitz in Freilassing, ist einer der Träger des Projekts.
Ausgangslage: Ein strukturelles Dilemma
Die Zahlen für Rosenheim sind repräsentativ für viele Kommunen in Bayern: Bis 2035 wird die Zahl der über 65-Jährigen in der Stadt um knapp 2.000 Personen steigen. Der Bedarf an vollstationären Pflegeplätzen könnte sich bis dahin nahezu verdoppeln – auf rund 1.000 Plätze. Gleichzeitig verlassen ab 2028 mehr Pflegekräfte das System, als nachrücken.
Der monatliche Eigenanteil für einen Heimplatz liegt in Bayern im Schnitt bei über 3.500 Euro – für viele Menschen unerschwinglich. Und selbst wenn Plätze verfügbar und bezahlbar wären: Die meisten älteren Menschen wollen schlicht nicht ins Heim. Sie wollen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben.
Der Ansatz: Frühzeitig, niedrigschwellig, sozialraumorientiert
Genau hier setzt das Projekt an. Sieben Sozialraumlots*innen sind in drei Stadtgebieten Rosenheims unterwegs – bei den Trägern Startklar im Alter, Caritas und Diakonie angesiedelt. Sie sind keine Pflegekräfte und keine klassische Beratungsstelle. Ihre Aufgabe ist es, frühzeitig Kontakt aufzunehmen, zuzuhören und gemeinsam mit älteren Menschen herauszufinden, was sie sich für ihren Alltag wünschen – und welche Ressourcen im Sozialraum bereits vorhanden sind.
„Das Fachkonzept der Sozialraumorientierung hat sich in der Jugendhilfe über Jahrzehnte bewährt. Wir sind überzeugt, dass es in der Altenhilfe mindestens genauso wirksam sein kann – und wollen das nun gemeinsam mit unseren Projektpartnern unter Beweis stellen.“
Heinz Schätzel, Geschäftsführung Startklar-Gruppe
Im Mittelpunkt stehen die Stärken und Erfahrungen der Menschen selbst – nicht ihre Defizite. Ziel ist es, nachbarschaftliches Engagement zu aktivieren, vorhandene Angebote besser zu vernetzen und professionelle Pflegeleistungen erst dann in Anspruch zu nehmen, wenn sie wirklich nötig sind.
Wissenschaftliche Begleitung und Blaupause für andere Kommunen
Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird mit insgesamt über 1,6 Millionen Euro finanziert – durch das Bayerische Landesamt für Pflege im Rahmen der Förderrichtlinie „Gute Pflege in Bayern“ sowie durch die Stadt Rosenheim. Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt die Technische Hochschule Rosenheim.
Das Projekt ist bewusst so konzipiert, dass seine Ergebnisse übertragbar sind. Gelingt der Nachweis, dass frühzeitige sozialraumorientierte Unterstützung Pflegebedürftigkeit verzögert und damit Kosten für Krankenkassen, Pflegeversicherung und Sozialhilfeträger reduziert, könnte das Modell als Vorlage für andere Kommunen dienen – und neue Finanzierungsmodelle eröffnen.