Wenn Gemeinschaft heilt: Wie Kleingruppenangebote in Ebersberg psychisch belastete Jugendliche stärken – und was das System daraus lernen könnte

Anna (Name geändert) ist 14 Jahre alt und spricht nicht. Obwohl sie es grundsätzlich könnte und das Reden nicht absichtlich verweigert. Anna leidet an einer Depression und an selektivem Mutismus, einer Angststörung, bei der Betroffene in bestimmten Situationen nicht sprechen können. Nach einem Klinikaufenthalt erhält sie eine Erziehungsbeistandschaft der Flexiblen Hilfen von Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg. Eine Fachkraft kommt in ihre Familie, um sie bedarfsorientiert in ihrem eigenen Umfeld zu unterstützen. Ziel ist es, Annas Selbstwertgefühl zu stärken, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren und die Beziehungen in der Familie zu verbessern. Dies ist aber nur möglich, wenn Anna Vertrauen entwickelt. Und das klappt nicht ohne Kommunikation.

Lange Wartelisten, fehlende Perspektive

Eigentlich hätte Anna nach ihrem Klinikaufenthalt einen Platz in einer Anschlusstherapie benötigt. So wie viele andere Jugendliche auch, die wegen Depressionen, selbstverletzendem Verhalten, Angstzuständen, Essstörungen oder delinquentem Verhalten in einer Klinik behandelt wurden. Doch die Wartelisten für eine Anschlusstherapie sind lang, durchschnittlich dauert es ein Dreivierteljahr, bis man zum Zug kommt. Eine lange Zeit für einen jungen Menschen, der Hilfe benötigt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass junge Menschen mit psychischen Problemen oft isoliert sind. Es fehlt ihnen an stabilen, sozialen Beziehungen und realen positiven Kontakten. Nicht selten vertiefen sich deshalb Krisen in der Wartezeit auf einen Therapieplatz.

Eine Idee aus der Not: Ein Gruppenangebot entsteht

2022 stand Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg vor folgender Herausforderung: Bei mindestens acht Erziehungsbeiständen in Ebersberg sollte nach der Klinik ein*e Therapeut*in gefunden werden. Es war aber niemand verfügbar. „Uns war klar, dass wir so nicht weiterkommen“, erklärt Leo Auer, Teamleiter Flexible Hilfen Ebersberg bei Startklar Soziale Arbeit. „Da die von uns betreuten Mädchen damals ähnliche Themen hatten, kamen wir auf die Idee, ein Gruppenangebot zu schaffen. Das war auch mit Blick auf die Synergieeffekte sinnvoll.“ Anfangs war es alles andere als leicht, die Mädchen für ein Gruppensetting zu motivieren. Letztlich entwickelte sich das Format aber so erfolgreich, dass selbst die Fachkräfte erstaunt waren.

„Es zeigte sich rasch, dass sich die Mädchen gegenseitig unheimlich gut taten. Sobald sie ihre Ängste und Vorbehalte überwunden hatten, sind sie richtig aufgeblüht.“

Leo Auer, Teamleiter Flexible Hilfen Ebersberg

Warum Kleingruppenangebote so erfolgreich sind

Wenn Jugendliche erleben, wie Gleichaltrige offen erzählen, wie sie mit bestimmten Problemen umgegangen sind und was ihnen geholfen hat, hören sie oft viel genauer zu. Die Erfahrungen anderer junger Menschen wirken echt und greifbar – viel mehr als gut gemeinte Ratschläge von Erwachsenen. Genau das macht Peer-Ansätze so stark.

„Wenn ein junger Mensch merkt, dass es ihm nicht allein so schlecht geht, fällt vieles von dem, was er sich so zusammengegrübelt hat, einfach weg. Vieles löst sich wirklich auf. Und sie sehen auch, dass man aus einem Thema wieder herauskommen kann.“

Leo Auer, Teamleiter Flexible Hilfen Ebersberg

„Anna“ findet ihre Stimme

Wie stark ein solches Gruppenerleben wirken kann, zeigt das Beispiel von Anna. Zu Beginn sprach sie mit Erwachsenen kein Wort und mit einzelnen Jugendlichen – wenn überhaupt – nur flüsternd, wenn keine Erwachsenen anwesend waren. Zunächst beteiligte sie sich kaum, doch nach und nach setzte eine Veränderung ein. Zuerst sprach sie mit einzelnen Personen, eines Tages hörte man zum ersten Mal ihr Lachen. Nach einigen Monaten brachte sie sich über Messenger mit kurzen Nachrichten, Bildern oder kleinen Ideen ein. Schließlich sprach sie auch in Anwesenheit von Fachkräften – ein großer Entwicklungsschritt für ein Mädchen, dem Sprechen lange unmöglich erschienen war. All dies wurde durch eine positive Gemeinschaft ermöglicht.

Wie die Gruppen ablaufen

Die Gruppen sind eine ungezwungene, begleitete und moderierte Gemeinschaft mit bis zu acht Teilnehmenden. Zu Beginn gestalten die Fachkräfte das Programm, doch nach und nach bringen sich die Jugendlichen selbst aktiv ein und planen – wie andere junge Menschen auch – Aktivitäten, auf die sie Lust haben. Das können Ausflüge, kreative Projekte oder gemeinsames Kochen sein. Unabhängig vom Inhalt steht im Mittelpunkt, dass die Jugendlichen in einem wertschätzenden Rahmen positive soziale Erfahrungen machen können: ohne Leistungsdruck, ohne Erwartungen und ohne Angst vor Abwertung. Die Fachkräfte halten sich bewusst im Hintergrund und fördern die Beziehungen der Jugendlichen untereinander.

„In den Kleingruppen bekommen wir als Fachkräfte jede Interaktion mit, können auf Stimmungen eingehen und den Beziehungsaufbau ganz individuell begleiten.“

Patricia Lindner, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg

Die Kraft der Gemeinschaft

Viele der Jugendlichen erleben zum ersten Mal, dass sie Teil einer positiven Gemeinschaft sind und nicht ein Problemfall. Das stärkt das Selbstvertrauen, macht Mut und setzt Entwicklungen in Gang, die weit über die Gruppe hinauswirken. Auch in Bezug auf die mentale Gesundheit sind die Effekte sehr positiv. Leo Auer berichtet: Wir merken, dass selbst bei ganz schwierigen Fällen riesige Sprünge passieren.“ Was das bedeutet? Gemeinschaft kann Teil der Lösung sein und damit den Bedarf an ambulanter Therapie abfedern.

“Es heißt nicht, dass man Therapie immer komplett ersetzen kann, aber diese Gruppenangebote sind ein starkes Tool, das eigentlich bei den Krankenkassen angesiedelt sein müsste. Ich denke mir manchmal, hätten unsere Jugendlichen zwei Jahre früher schon solche Maßnahmen gehabt, dann wären sie möglicherweise nicht in so ein Martyrium gekommen.“

Leo Auer, Teamleiter Flexible Hilfen Ebersberg

Kleine Gruppen, große Wirkung: Prävention, die Leid und Folgekosten spart

Derzeit springen bei fehlenden Anschlussangeboten nach Klinikaufenthalten soziale Träger wie Startklar Soziale Arbeit mit der Erziehungsbeistandschaft ein, erreichen aber nur einen kleinen Teil der Betroffenen. Würden Krankenkassen selbst Kleingruppenangebote in diesem Format bereitstellen, könnten sie nicht nur frühzeitig unterstützen, sondern auch langfristig Kosten sparen. Denn fehlende Anschlussangebote verschärfen Krisen und führen zu teuren Klinikaufenthalten und Folgetherapien. Flächendeckende Gruppenangebote könnten sicherstellen, dass jede*r Jugendliche frühzeitig begleitet wird. Das hat zwei positive Effekte: Leid wird verkürzt und Kosten werden gespart.

 

Maria Jäger für Startklar Soziale Arbeit