Was andere nicht sehen – wenn Reize zu viel werden

Was für uns Erwachsene – ob Eltern oder Fachkräfte – oftmals als schwierig oder irritierend erscheint, stellt für viele Kinder und Jugendliche einen inneren Überlebenskampf dar. Wenn junge Menschen durch Verhalten auffallen, das wir als problematisch wahrnehmen, steckt dahinter kein bewusster Unwille. Vielmehr handelt es sich um einen Ausdruck tiefer Überforderung – ein Signal, dass in ihrer Lebenswelt etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und sie nicht wissen, wie sie die Situation alleine bewältigen sollen. Zur Veranschaulichung stellen uns Fachkräfte drei reale, anonymisierte Fallberichte zur Verfügung.

Wenn Reize zu viel werden

Die Begleitung eines autistischen Jugendlichen im Clearing

Adam (Name geändert) ist 14 Jahre alt und autistisch. Was von außen oft unscheinbar wirkt, kann ihn innerlich in kürzester Zeit an seine Grenzen bringen. Wenn die Überforderung steigt, zeigt sich das nicht in Worten. Stattdessen sind es kleine, aber deutliche Signale: ein harter Blick, ein tiefes Grummeln, ein unruhiges Zucken. Manchmal ein plötzlicher Tritt gegen das Schienbein. Für Außenstehende wirkt das impulsiv oder provokant. Für Adam ist es ein Ausdruck von Reizüberflutung – ein Moment, in dem ihm die Möglichkeit fehlt, das Erlebte sprachlich einzuordnen oder zu regulieren.

Im Rahmen des Clearings begleiten wir Adam eng in seinem Alltag. Wir beobachten seine Reaktionen im häuslichen Umfeld, sprechen mit der Schule über seine Tagesstruktur und setzen uns im multiprofessionellen Team regelmäßig zusammen, um unsere Eindrücke zu bündeln. Dabei geht es weniger um schnelle Erklärungen als um genaues Hinsehen: Welche Situationen bringen ihn aus dem Gleichgewicht? Welche Reize sind es, die ihn überfordern?

Oft sind es scheinbar kleine Dinge. Ein lautes Geräusch in der Küche. Eine unerwartete Veränderung im Ablauf. Bestimmte Nachfragen, die für ihn zu viel Nähe oder zu viel gleichzeitige Verarbeitung bedeuten. Adams Reaktionen darauf sind nicht bewusst gesteuert. Sie entstehen dort, wo sein inneres System überlastet ist. Gerade weil er diese Zustände nicht benennen kann, ist es unsere Aufgabe, sie ernst zu nehmen und zu entschlüsseln.

Ein fester Bestandteil der Maßnahme sind gemeinsame Spaziergänge. Bewegung hilft Adam, Spannung abzubauen, und gibt uns zugleich die Möglichkeit, seine Belastbarkeit im Blick zu behalten. Auch hier braucht es Feingefühl: Gehen wir die gewohnte Runde oder probieren wir einen anderen Weg? Wie ist das Wetter, wie die Kleidung, wie die Umgebung? Baustellen, laute Gartenarbeiten oder ungewohnte Gerüche können aus einem Spaziergang schnell eine Stresssituation machen. Entscheidungen, die für andere banal sind, werden für Adam täglich neu abgewogen.

Unsere Beobachtungen bleiben nicht isoliert. In interdisziplinären Fallbesprechungen tragen wir sie zusammen, prüfen Muster, formulieren Hypothesen und verwerfen sie wieder, wenn sie sich nicht bestätigen. Dieses gemeinsame Nachdenken ist zentral: Es hilft uns, Adams Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern in seinem Zusammenhang zu verstehen.

Schritt für Schritt entsteht so ein passenderes Betreuungssetting. Eines, das Adams Wahrnehmung ernst nimmt und ihm ermöglicht, mit den Herausforderungen seines Alltags etwas besser umzugehen. Nicht, weil Überforderung verschwindet, sondern weil sie früher erkannt wird – und weil jemand hinsieht, bevor sie sich Bahn brechen muss.

Katrin Kumberger, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg

INFO

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Reihe „Wenn junge Menschen an ihre Grenzen kommen“, in der Fachkräfte anhand realer, anonymisierter Fallberichte zeigen, wie unterschiedlich sich Überforderung bei jungen Menschen äußern kann – und was es braucht, um sie wirklich zu erreichen. Die beiden anderen Teile der Reihe findest du ebenfalls hier auf dem Blog.