Ein Gespräch über Contactivity und den Umgang mit vermeidenden Jugendlichen
Wenn Jugendliche sich zurückziehen, stoßen klassische pädagogische Interventionen oft an ihre Grenzen. Stefanie Eschig sprach mit Dr. phil. Uri Weinblatt, klinischem Psychologen und Leiter des Zentrums für Familientherapie „Contactivity“ in Israel, sowie mit Stefan Ofner, Leiter des Instituts für Neue Autorität (INA). Im Interview erklären sie, warum Druck und Kontrolle hier selten wirken und wie Contactivity mit Beziehung, Präsenz und einem sensiblen Umgang mit Scham neue Handlungsspielräume eröffnet. Ein Interview für alle, die junge Menschen auch in schwierigen Phasen erreichen wollen.
Wie können Fachkräfte heute gut mit herausfordernden Jugendlichen umgehen?
Das hängt zunächst entscheidend davon ab, welche Art von herausforderndem Verhalten wir vor uns haben. Wir müssen unterscheiden: Handelt es sich um Aggression, Grenzverletzungen oder offene Opposition – oder geht es um Vermeidung, Rückzug und Schweigen? Diese Unterscheidung ist zentral, weil sie den gesamten pädagogischen Zugang verändert.
Für aggressive oder destruktive Verhaltensformen bietet das Konzept der Neuen Autorität sehr gute und bewährte Wege: Präsenz, gewaltloser Widerstand, Transparenz, Unterstützungssysteme.
Doch bei Jugendlichen, die sich zurückziehen, schweigen oder sich komplett abschotten, greifen diese Strategien nur bedingt – und können sogar schädlich wirken.
Warum greifen klassische Formen des gewaltlosen Widerstands bei vermeidendem Verhalten schlecht oder gar nicht?
Weil viele dieser Maßnahmen – wie etwa Schweigen oder Aufsuchen – bei vermeidenden Jugendlichen die Scham verstärken. Und Scham ist einer der Hauptmotoren ihres Rückzugs. Was bei aggressivem Verhalten hilfreich sein kann, fühlt sich für vermeidende Jugendliche schnell wie eine Zurückweisung oder ein Beweis ihrer eigenen „Fehlerhaftigkeit“ an. Statt Verbindung entsteht noch mehr Distanz.
Genau hier setzt Contactivity an: mit einem konsequent beziehungsorientierten Ansatz, der Scham reguliert, nicht verstärkt.
Was macht Contactivity so anders? Warum sprechen Sie von einem Paradigmenwechsel?
Contactivity dreht die Logik vieler klassischer Interventionen um. Statt Verhalten verändern zu wollen, bevor Beziehung entsteht, setzt der Ansatz radikal auf Beziehung als Voraussetzung für Veränderung. Das ist ungewohnt – gerade für Fachpersonen, die mit der Neuen Autorität vertraut sind.
Während Neue Autorität in der Begleitung aggressiver Jugendlicher klare Strukturen und Grenzen in den Fokus stellt, arbeitet Contactivity mit einem anderen „Werkzeugkasten“: Systemic Mirroring, Connecting Sit-In, Präsenz ohne Forderung, Zugewandtheit ohne Erwartungsdruck.
Der Paradigmenwechsel besteht darin, dass bei Vermeidung nicht der Widerstand beantwortet wird, sondern die Scham beruhigt wird.
Wie sieht dieser beziehungsorientierte Ansatz konkret aus? Können Sie ein Beispiel geben?
Ein zentrales Element ist das Connecting Sit-In – eine präsente Form der Begegnung. Die Fachperson und eine zweite Person setzen sich dazu, ohne Druck, und ohne das Ziel, das „Problem“ lösen zu wollen. Wichtig ist es, im Dialog zu bleiben, auch eigene Geschichten einfließen zu lassen und Gesprächsfluss am Laufen zu halten, so dass Neugier entsteht und sich der*die Jugendliche einbringen kann, ohne permanent im Fokus zu stehen. Es ist ein Regulieren der Beziehung, kein Einfordern von Kooperation.
Ein anderes Werkzeug ist das Systemic Mirroring: eine Art sanftes emotionales Spiegeln, das Jugendlichen hilft, sich selbst wieder zu spüren. Solche Erfahrungen sind für vermeidende Jugendliche oft der erste Schritt zurück in Kontakt.
Das klingt nach einem völlig anderen Arbeiten. Was bedeutet das für Fachkräfte?
Es bedeutet vor allem: Zeit, Geduld und die Bereitschaft, alte Routinen zu hinterfragen. Für viele Fachpersonen ist Contactivity tatsächlich ein Paradigmenwechsel. Methoden wie Systemic Mirroring oder Connecting Sit-In wollen nicht einfach „angewendet“, sondern verstanden und verkörpert werden.
Wer mit Vermeidung arbeitet, muss lernen, die ersten Impulse – Erklären, Überzeugen, Motivieren – bewusst zurückzunehmen. Es geht darum, präsent zu sein, nicht produktiv. Beziehung statt Lösung. Resonanz statt Druck.
Das ist anspruchsvoll, aber enorm wirksam.
Was erleben Fachkräfte, wenn sie diesen Ansatz praktizieren?
Sie erleben, wie Jugendliche, die sich monatelang entzogen haben, plötzlich wieder in Resonanz treten – manchmal ganz klein: ein Blick, ein Satz, ein Moment von Entspannung. Sie erleben, dass Vertrauen wieder wachsen kann, wenn Scham sinkt.
Und sie erleben, dass sich junge Menschen erst öffnen, wenn sie nicht mehr das Gefühl haben, funktionieren zu müssen.
In einer Zeit, in der vermeidendes Verhalten rasant zunimmt, zeigt sich dadurch sehr deutlich, wie wertvoll und notwendig dieser Ansatz ist.
Was sind die zentralen Fähigkeiten, die Contactivity bei Jugendlichen stärkt?
Contactivity konzentriert sich auf vier grundlegende Fähigkeiten, die für Entwicklung und Teilhabe entscheidend sind. Offenheit bedeutet, neue Erfahrungen überhaupt wieder zulassen zu können. Flexibilität beschreibt die Fähigkeit, alternative Verhaltensweisen auszuprobieren, statt starr in Vermeidungsmustern zu bleiben. Verbundenheit meint das Gefühl, sich emotional sicher und in Beziehung zu erleben. Und Mut steht für die kleinen Schritte nach außen, die Jugendlichen zeigen: „Ich kann mich etwas trauen – und es geht gut.“
Diese vier Fähigkeiten bilden das Fundament, auf dem junge Menschen wieder Kontakt, Motivation und Selbstwirksamkeit entwickeln können.
Wie können sich Einrichtungen und Träger gut aufstellen, um Contactivity wirkungsvoll in ihrer Arbeit zu verankern?
Ein zentraler Schritt ist, dass Teams nicht nur punktuell, sondern strukturiert in den Ansatz eingeführt werden. Bewährt hat sich ein zweitägiges Intensivtraining, in dem die Grundlagen, Haltung und Methoden wie Systemic Mirroring oder Connecting Sit-In praxisnah vermittelt werden.
Ebenso wichtig ist eine laufende Begleitung der Mitarbeitenden – etwa durch Supervision, Praxisreflexion oder Fallbesprechungen. So können Fachkräfte das Gelernte im Alltag erproben, Unsicherheiten klären und eine gemeinsame Haltung entwickeln.
Träger, die diese kontinuierliche Unterstützung ermöglichen, schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Contactivity nicht nur eine Methode bleibt, sondern zu einem lebendigen, tragfähigen Teil der Organisationskultur wird.
Stefanie Eschig, Sozialarbeiterin (B.A.), Erlebnispädagogin, Coach für Neue Autorität (INA), Startklar Soziale Arbeit
Dr. phil. Uri Weinblatt, klinischer Psychologe und Leiter des Zentrums für Familientherapie „Contactivity“ in Israel
Stefan Ofner, Leiter des Instituts für Neue Autorität (INA)
ZEBRA Magazin 01|26
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