Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Inspirierendes”, in der Fachkräfte von Begegnungen, Lektüren und Erfahrungen berichten, die ihren Blick auf die Soziale Arbeit verändert oder geschärft haben – sei es ein Buch über die Macht von Sprache, ein systemisches Konfliktlösungsmodell oder ein Planspiel zur Demokratiebildung. Weitere Beiträge der Reihe findest du ebenfalls hier auf dem Blog.
In den letzten Monaten habe ich mich öfter gefragt, wie viel Wirkung eigentlich in unseren Worten steckt – besonders in der Sozialen Arbeit, wo Kommunikation eines unserer wichtigsten Werkzeuge ist. Oft sprechen wir über „Hilfesuchende“, „Geflüchtete“ oder „sozial Schwache“ oder beschreiben Menschen mit einer körperlichen Einschränkung als „an den Rollstuhl gefesselt“. Doch jedes Wort formt ein Bild, jede Formulierung trägt eine Haltung.
Zwei Erfahrungen haben mich in diesem Sommer besonders inspiriert, genauer hinzuschauen: Das Buch „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüşay, und die Fortbildung „Diversity verstehen, Diskriminierung vermeiden, Biases entgegenwirken“, die ich im Juli besucht habe. Beide haben meine Perspektive auf Sprache, Wahrnehmung und Professionalität in der Sozialen Arbeit sensibilisiert und geschärft.
In „Sprache und Sein“ beschreibt Gümüşay, wie Sprache unsere Welt strukturiert – und wer in dieser Welt sichtbar ist und wer nicht. Sie schreibt darüber, dass Sprache nicht neutral ist, sondern Macht besitzt. Diese Erkenntnis hat mich sehr beschäftigt. Denn in unserem Arbeitsalltag begegnen wir Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Wie spreche ich über sie – und vor allem: wie spreche ich mit ihnen? Behandle ich sie wirklich auf Augenhöhe, oder steckt in meinen Worten manchmal doch ein bisschen Distanz, vielleicht sogar ein unbewusstes Urteil?
In der Fortbildung zum Thema Diversity konnte ich diese Gedanken ganz praktisch weiterdenken. Besonders eindrücklich war für mich eine Übung, in der wir unsere eigenen Denkmuster und Vorurteile reflektiert haben. Dabei wurde mir bewusst, wie automatisch wir manchmal Menschen in Schubladen stecken – oft aus Routine, manchmal auch aus gut gemeinter Fürsorge. Eine Aussage der Referentin Frau Poitzmann ist mir dabei hängen geblieben:
„Wir alle haben Biases (also Vorurteile). Entscheidend ist nicht, ob sie da sind – sondern, was wir damit tun.“
Diese Haltung fand ich unglaublich befreiend und motivierend zugleich. Sie erinnerte mich daran, dass diskriminierungssensibles Arbeiten kein fertiger Zustand ist, sondern ein kontinuierlicher Prozess – und dass es völlig in Ordnung ist, auf diesem Weg auch zu stolpern.
Seitdem achte ich noch bewusster auf meine Sprache. Ich frage mich öfter: Wie kann ich jemanden so beschreiben, dass sie oder er sich gesehen und respektiert fühlt? Kleine Veränderungen machen da schon einen Unterschied. Statt „sozial schwach“ sage ich heute z.B. lieber „ökonomisch benachteiligt“. Außerdem stelle ich mir immer häufiger die Frage ob gewisse Informationen im konkreten Kontext überhaupt nötig sind. Ist es für die Falldarstellung essentiell, zu erwähnen, dass die Person einen Migrationshintergrund hat oder einen Rollstuhl nutzt? Das mag banal klingen, aber es verändert die Haltung – und letztlich auch die professionelle Beziehung.
Beide Inspirationen – das Buch und die Fortbildung – haben mir gezeigt: Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Haltung in Aktion. Wenn wir in der Sozialen Arbeit über Empowerment sprechen, beginnt es genau hier – in der Art, wie wir über Menschen reden, die wir begleiten.
Ich bin dankbar für diese Denkanstöße, weil sie mich daran erinnern, dass Lernen nie aufhört – und dass echte Veränderung oft im Kleinen beginnt: mit einem Wort, das wir bewusst anders wählen.
Ramona Lummer, Bereichsleiterin Jugendliche stationär, Startklar Soziale Arbeit Niederbayern