„So reden wir halt“ – Wenn emotionale Gewalt normal wird

Emotionale Gewalt gehört zu den häufigsten Formen von Gewalt gegen Kinder – und gleichzeitig zu den am wenigsten sichtbaren. Anders als körperliche Übergriffe hinterlässt sie keine blauen Flecken. Ihre Spuren zeigen sich oft erst Jahre später: in Form von Selbstzweifeln, Bindungsproblemen oder einem dauerhaft geschwächten Selbstwertgefühl.

Für Carina Staber, Multiplikatorin für gewaltfreie Pädagogik, wurde die Tragweite des Themas während ihrer Arbeit in einer Kindertageseinrichtung besonders deutlich. „Emotionale Gewalt war dort Alltag, ohne dass sie als solche wahrgenommen wurde“, berichtet sie. Wurden Kolleg*innen auf ihr Verhalten angesprochen, lautete die Antwort häufig: „So reden wir halt. Das war bei uns zu Hause normal.“ Gerade diese Normalisierung macht emotionale Gewalt so schwer erkennbar. Was viele Erwachsene als gewöhnlichen Umgangston empfinden, kann Kinder tief verletzen.

Wenn Kinder beschämt werden

Besonders eindrücklich erinnert sich Carina Staber an einen Vorfall mit einem dreijährigen Jungen. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war es für ihn selbstverständlich, im Freien zu urinieren. Als er dies im Kindergarten tat, wurde er vor der Gruppe beschimpft und bloßgestellt. „Der Junge hat überhaupt nicht verstanden, warum er plötzlich angeschrien wurde“, erzählt sie. „Für ihn war sein Verhalten normal. Statt einer Erklärung hat er Beschämung und Ablehnung erfahren.“ Die Situation zeigt, worum es häufig geht: Nicht das Verhalten des Kindes ist entscheidend, sondern die Art und Weise, wie Erwachsene darauf reagieren.

Wo emotionale Gewalt beginnt

Emotionale Gewalt zeigt sich oft in scheinbar harmlosen Aussagen wie: „Du bist doch kein Baby mehr“, „Jetzt heul doch nicht schon wieder“ oder „Schau mal, die anderen sind längst fertig.“ Viele dieser Aussagen werden aus Gewohnheit oder in stressigen Situationen geäußert. Dennoch können sie Kindern das Gefühl vermitteln, nicht gut genug zu sein.

„Gewalt beginnt nicht beim Anschreien oder Demütigen“, erklärt Carina Staber „Auch Vergleiche, Beschämungen oder ständiges Kritisieren greifen den Selbstwert eines Kindes an.“

Entscheidend sei dabei nicht die einzelne Bemerkung, sondern wenn Kinder solche Botschaften über längere Zeit immer wieder hören.

Unbewusste Verletzungen

Kinder können emotionale Grenzverletzungen oft nicht benennen und nehmen sie zunächst als normal hin. Sie verfügen noch nicht über die sprachlichen und emotionalen Fähigkeiten, um Ungerechtigkeiten einzuordnen oder ihren Eltern davon zu berichten.

Hinzu kommt, dass Fachkräfte gegenüber Eltern meist wertschätzend und professionell auftreten. Grenzverletzende Situationen entstehen eher in Momenten von Stress, Zeitdruck oder Überforderung. „Viele Fachkräfte handeln nicht bewusst verletzend“, sagt Carina Staber „Oft fehlen Wissen und Reflexion darüber, was Worte langfristig bei Kindern auslösen können.“

Die eigene Biografie reflektieren

Ein wichtiger Baustein der Gewaltprävention ist deshalb die Selbstreflexion. Viele Erwachsene sind selbst mit Beschämungen, Vergleichen oder Drohungen aufgewachsen und übernehmen diese Muster unbewusst.

„Wir alle tragen Erfahrungen, Glaubenssätze und auch Traumata aus unserer Kindheit in uns“, erklärt Carina Staber „Deshalb ist es wichtig, sich zu fragen: Warum triggert mich ein bestimmtes Verhalten? Warum reagiere ich so stark?“

Kinder verhalten sich nicht, um Erwachsene zu provozieren. Vielmehr steckt hinter jedem Verhalten ein Bedürfnis oder Entwicklungsaufgaben. Wer diesen Blick einnimmt, kann gelassener und empathischer reagieren.

Prävention statt Bestrafung

Am Beispiel des Jungen im Kindergarten zeigt Carina Staber, wie gewaltfreie Pädagogik aussehen kann. Statt einer Strafe hätte sie erklärt, warum im Kindergarten andere Regeln gelten als zu Hause, ihm die Toilette gezeigt und ihn vor dem Spielen im Freien daran erinnert. Gewaltfreie Pädagogik bedeutet nicht Grenzenlosigkeit. Es geht darum, Kinder mit nachvollziehbaren Konsequenzen zu begleiten, statt sie zu beschämen oder unter Druck zu setzen.

Verantwortung im Team übernehmen

Auch Teams tragen Verantwortung dafür, emotionale Gewalt zu erkennen und anzusprechen. Beobachtete Grenzverletzungen sollten nicht ignoriert werden. Gleichzeitig braucht es einen respektvollen Umgang miteinander. Carina Staber empfiehlt einen wertschätzenden Einstieg: „Die Frage ‚Darf ich dir dazu ein Feedback geben?‘ öffnet oft mehr Türen als direkte Kritik.“ Teamreflexionen, Fortbildungen und die Auseinandersetzung mit dem Schutzkonzept der Einrichtung können dazu beitragen, eine Kultur des Hinschauens zu etablieren.

Worte, die stärken statt verletzen

Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung und Begleitung – auch im pädagogischen Alltag. Dieses Recht umfasst nicht nur den Schutz vor körperlicher Gewalt, sondern ebenso den respektvollen Umgang mit ihrer Würde, ihren Gefühlen und ihren Bedürfnissen.

Die Botschaft von Carina Staber an pädagogische Fachkräfte lautet deshalb:

„Unsere Worte haben Wirkung. Nutzen wir sie, um Kinder zu stärken, nicht um sie zu verletzen. Wenn wir aufmerksam reflektieren, wie wir sprechen, handeln und reagieren, schaffen wir Räume, in denen Kinder wachsen, lernen und sich sicher entwickeln können.“

Elisabeth Staber, Öffentlichkeitsarbeit & Flexible Hilfen, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg

Carina Staber ist stellv. Kindergartenleitung und Multiplikatorin für gewaltfreie Pädagogik und selbstständige Beraterin für Teams, Einzelpersonen sowie Eltern zu allen Themen rund um die Pädagogik: www.coaching-zauber.com