Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Inspirierendes”, in der Fachkräfte von Begegnungen, Lektüren und Erfahrungen berichten, die ihren Blick auf die Soziale Arbeit verändert oder geschärft haben – sei es ein Buch über die Macht von Sprache, ein systemisches Konfliktlösungsmodell oder ein Planspiel zur Demokratiebildung. Weitere Beiträge der Reihe findest du ebenfalls hier auf dem Blog.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg und arbeite mich immer noch tiefer in das Thema und die dahinterliegende Haltung ein. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Konzept der Restorative Circles gestoßen – ein systemisches Konfliktlösungsmodell, das 1994 von Dominic Barter in Brasilien entwickelt wurde. Barter arbeitete damit über viele Jahre erfolgreich in den Favelas; das Konzept wurde später von der brasilianischen Regierung übernommen und gefördert.
Restorative Circles zeigt neue Wege zur Eigenverantwortung, Beziehungsklärung und Heilung in Gemeinschaften auf. Konflikte werden dabei nicht als Störung verstanden, sondern als Hinweis auf ein Ungleichgewicht im sozialen Gefüge. Der Ansatz unterstützt darin, Konflikte konstruktiv anzugehen und daraus nachhaltige Lernprozesse anzustoßen. Mehr Infos dazu finden Sie zum Beispiel unter restorative-circles.de
Ein zentrales Element der Circles ist eine klar strukturierte Gesprächsführung, die echtes Zuhören ermöglicht. Im Kern stehen drei aufeinander bezogene Fragen:
- Zunächst beschreibt eine Person (A), was gerade in ihr lebendig ist und womit sie (von wem) gehört werden möchte.
- Die zuhörende Person (B) spiegelt anschließend, was sie verstanden hat.
- Abschließend wird rückgefragt, ob dies dem entspricht, womit Person A gehört werden wollte.
Erst wenn Person A sich ausreichend gehört und wiedergegeben fühlt, wird der Raum für weitere Stimmen geöffnet. Begleitet wird der Prozess von eine*m Gastgeber*in, der*die moderierend, aber bewusst im Hintergrund agiert und den Prozess sich entfalten lässt. Auch Pausen und Stille haben einen festen Platz und werden als Teil des Prozesses verstanden.
Die zugrundeliegende Haltung ist konsequent gewaltfrei: Alle Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe, ungeachtet ihrer Rollen oder Funktionen, und jede Stimme hat das gleiche Gewicht. Entscheidend ist das Vertrauen in den Prozess und in das, was sich aus ihm heraus entwickeln möchte. Am Ende, nachdem alle relevanten Perspektiven gehört wurden, richtet sich der Blick auf mögliche Lösungen: Was brauchen die Einzelnen, damit Gemeinschaft für alle wieder als sicher erlebt und Gerechtigkeit oder Ausgleich hergestellt wird?
Wer tiefer einsteigen möchte, dem kann ich ein Interview mit einer Schülerin von Dominic Barter empfehlen, die eine spannende Geschichte erzählt. Es ist in der Podcastreihe „GFK Held*innen“ von Peter Schmid, einem meiner Trainer, zu finden.
Dominic Barter selbst ist auch auf YouTube (auf Englisch) zu sehen – immer ein Highlight, ihm zuzuhören. Für Rückfragen stehe ich gerne per E-Mail zur Verfügung.
Karin Niedermeyer, Leitung Mehrgenerationenhaus, Startklar Soziale Arbeit Oberbayern