Was tun?
In dieser Rubrik stellen wir Situationen aus unserer Praxis der Sozialen Arbeit vor, in denen es keine einfachen Antworten gibt. Wie reagieren, wenn Handlungsdruck entsteht, Emotionen hochkochen oder rechtliche Vorgaben und pädagogische Beziehungen in Spannung geraten? Mehrere Fachkräfte zeigen hier, welche Wege sie wählen würden – und wie vielfältig professionelles Handeln sein kann. Denn in der Praxis geht es selten um richtig oder falsch, sondern um begründetes Handeln im jeweiligen Moment.
Die Situation
M., 16 Jahre alt, lebt im betreuten Wohnen. Nach mehreren gescheiterten Gruppenunterbringungen wird er hier eng begleitet. Rechtlich gesehen darf er nach 24 Uhr seine Wohnung nicht mehr verlassen, die Betreuer*innen sind dafür verantwortlich.
Seit einiger Zeit häufen sich die Hinweise, dass er trotzdem nachts ausgeht. Um dem nachzugehen, fahren zwei Betreuer*innen eines Nachts kurz vor Mitternacht zur Wohnung des Jugendlichen. Als sie ankommen, sehen sie bereits ein Auto mit M.‘s Freunden in der Nähe warten.
Prompt öffnet sich M.‘s Tür, er kommt heraus und steht plötzlich vor seinen Betreuer*innen. Er erstarrt kurz, dann eskaliert die Situation: „Was wollt ihr hier? Ihr habt mir aufgelauert!“ Er wird laut, beschimpft die Betreuer*innen wüst und kündigt an, „jetzt erst recht“ zu gehen. Argumente erreichen ihn nicht.
Die Betreuer*innen wissen: Lassen sie ihn gehen, verstoßen sie gegen die Auflagen. Halten sie ihn fest, überschreiten sie Grenzen.
Wie lässt sich die Situation deeskalieren?
- David Eckert, Zertifizierter Anti-Aggressivitäts-Trainer/Coolness-Trainer, Dozent beim Institut für Konfrontative Pädagogik, Hamburg:
„Macht brauche ich erst, wenn ich die Kontrolle verloren habe.“
Zumeist können Schutzbefohlene bzw. Klient*innen auf Lernerfahrungen im Umgang mit verschiedenen Professionen im Hilfesystem zurückgreifen. Hierbei haben sie häufig erlebt, dass grenzüberschreitendes Verhalten hochfunktional sein kann. Es ist jedoch klar zwischen instrumenteller Eskalation und traumgesteuertem Verhalten zu unterscheiden.
Je später wir in der instrumentellen Eskalation eine Grenzverletzung wahrnehmen und nicht frühzeitig auf diese reagieren, desto mehr Energie benötigen wir, um die Kontrolle zurückzuerlangen. Wenn wir in diesen Momenten keine Grenzen setzen, weil wir Angst vor einer möglichen Eskalation haben, greift der Leitsatz: „Gewalt ist Macht durch Angst.“
Die Gefahr besteht, dass wir nun „Macht“ benötigen, um die Kontrolle zurückzuerlangen – das bedeutet, wir haben die Kontrolle über die Situation bereits verloren.
Wollen wir Schutzbefohlenen Orientierung in instrumentellen Eskalationen geben und Grenzen setzen, benötigen wir ein emotionales Dispo. Wir müssen in der Beziehungsarbeit auf dieses Konto einzahlen.
Aber auch in Krisen und Konflikten hat jedes Kind ein Recht auf seine Gefühle.
- Sarah Wimmer, Flexible Hilfen, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg:
In der Eskalationssituation führen Argumente zu einer Eskalationsspirale, die sich immer weiter hochschraubt. Daher würde ich an der Tür warten, bis die Wut langsam verraucht und die Wohnung nicht betreten. Dabei aber weiter präsent bleiben und dem Jugendlichen gegenüber immer wieder das Angebot machen: „Sobald du dazu bereit bist, können wir darüber reden! Ich bin und bleibe hier, auch wenn du wütend auf mich bist!“ Gute Ansätze, finde ich, bietet hier das Konzept der „Neuen Autorität“ von Haim Omer. Außerdem ist es jetzt wichtig, transparent zu sein! Dem Jugendlichen klarmachen, dass sich die Betreuer*innen Sorgen gemacht haben und auch rechtlich dazu verpflichtet sind, sicherzustellen, dass er sich nach 24:00 Uhr nicht mehr draußen aufhält. Sollte nun im schlimmsten Fall der Jugendliche trotzdem einfach gehen und sich von den Pädagog*innen nicht zum Bleiben überzeugen lassen, würde ich ihm wieder transparent kommunizieren, dass in diesem Fall die Polizei informiert werden muss, da sich die Pädagog*innen rechtlich absichern und ihrer Aufsichtspflicht nachkommen können müssen. Im besten Fall beruhigt sich der Jugendliche und geht auf das Gesprächsangebot ein, und es wird gemeinsam eine Lösung entwickelt.
- Karin Niedermeyer, Leitung Mehrgenerationenhaus Freilassing, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation (GfK), Startklar Soziale Arbeit Oberbayern
Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) erfüllen Menschen mit ihrem Verhalten Bedürfnisse. Probleme entstehen nicht durch die Bedürfnisse selbst, sondern durch die gewählten Strategien. Bei einem Jugendlichen geht es vermutlich um Bedürfnisse wie Kontakt, Zugehörigkeit, Respekt, Autonomie und Freiheit. Seine Strategie, nachts „auszusteigen“, um Freunde zu treffen, widerspricht den Regeln. Es gilt, mit ihm und den Betreuern gemeinsam herauszufinden, was sie brauchen, etwa Sicherheit und Vertrauen, und wie man Lösungen findet, die die Bedürfnisse aller berücksichtigen. Vielleicht können auch die Freunde in den Prozess einbezogen werden, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Klare Vereinbarungen und Transparenz sind wichtig, insbesondere was passiert, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden. Der Jugendliche kann nicht festgehalten werden, aber es muss ihm klargemacht werden, warum die Regeln bestehen und welche Konsequenzen folgen. Respekt und Augenhöhe bleiben stets entscheidend.
- Alexander Harsch, Bereichsleitung Offene Kinder- und Jugendarbeit, Jonathan Soziale Arbeit:
Die Zusammenarbeit in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit basiert auf Freiwilligkeit, Offenheit und Gleichwürdigkeit. Wir gehen davon aus, dass junge Menschen die Experten für ihr Leben sind und unterstützen sie dabei, ihr und das Verhalten anderer kritisch zu reflektieren. Als pädagogische Grundlage dient hier der Ansatz der Neuen Autorität. Ich würde mit M. versuchen, ruhig ins Gespräch zu gehen: Was ist sein Plan, was erhofft er sich? Ist ihm bewusst, dass er gegen Auflagen verstößt und welche Konsequenzen das für ihn haben kann? Ich würde gemeinsam abwägen: Ist ihm der kurzfristige Spaß wichtiger als die Folgen? Aus systemischer Sicht würde ich beleuchten, wie sein Handeln ihn selbst, das (Betreuungs-)System und alle Beteiligten beeinflusst. Da die Beziehungsarbeit in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ein zentrales Element ist und hierbei Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe wichtige Grundlagen darstellen, ist eine konfrontative Gesprächsführung in einer derartigen Situation ein passender Ansatz. Das Modell der Stufen der Beharrlichkeit dient uns in derartigen Situationen als Orientierung. Die Entscheidung trifft letztendlich M. und verantwortet damit mögliche Konsequenzen. Diese akzeptieren wir. Jegliche Form von Zwang lehnen wir in der OKJA ab.
- Franziska Degner, Bereichsleiterin Interregio, Startklar Soziale Arbeit Niederbayern:
Aktuell ist der Jugendliche im Krisenmodus, er wird alles dafür tun, um nicht als „schwach“ vor den Freunden da zu stehen. Festhalten ist keine Option, da keine Fremd- oder Selbstgefährdung besteht. Also sind Deeskalationsmaßnahmen gefragt:
- Selbstschutz checken: nicht in einer Ecke stehen
- Raum scannen: keinen „Fluchtweg“ absperren, nicht zu nah auf den Jugendlichen zugehen
- Eigene Verfassung und Körpersprache: Ruhe bewahren, Methoden der Selbstberuhigung. Auftreten und Stimmlage sind oft entscheidender als der Inhalt des Gesagten. (A&O!)
- Schaulustige entfernen: der Jugendliche muss „Gesichtswahrend“ aus der Situation kommen können
- Blickkontakt aufbauen
- Ernst nehmen: Empathie zeigen, sprechen lassen, Anteil nehmen, Ermutigen zu erklären, Gefühle zuzulassen und anzunehmen, Gemeinsames Aushalten der Hilflosigkeit.
- Eigene Werte und Empfindungen müssen zurückgestellt werden: keine Vorwürfe, nicht dagegenreden, keine Strafen androhen. Die verbale Drohung ist ein Ausdruck seiner Wut, Hilflosigkeit und/oder Angst.
- Transparenz: Wir können dich hier nicht festhalten, du kannst selbst entscheiden und du trägst die Verantwortung dafür.
- Germain Bennett, AAT®/ CT®-Trainer, Systemischer Coach für Neue Autorität
Gerade in konfliktträchtigen Situationen ist Deeskalation wichtig und sie beginnt bei mir, indem ich innere Präsenz halte, ruhig auftrete, Grenzen klar benenne und gleichzeitig empathisch bleibe. Die Situation zeigt gut, wie hilfreich die Neue Autorität sein kann, denn sie setzt auf Haltung statt Kontrolle. Daher verschiebt sich der Fokus weg von „Du machst, was ich sage“ hin zu „Ich mache, was ich sage“. Entscheidend ist außerdem, dass nicht die Betreuer gegen Auflagen verstoßen, sondern er selbst –> Jugendschutzgesetz! Eine mögliche Konsequenz ist der ruhige Hinweis, dass ich mir bei Bedarf Unterstützung holen werde, auch durch die Polizei. Dabei halte ich fest, dass ich seinen Wunsch nachvollziehen kann, ihm es aufgrund des Jugendschutzgesetzes jedoch nicht erlauben darf und ich im Fall eines Weggehens entsprechend meinem Auftrag handeln werde.