Hinter den Kulissen meines Lebens: Ein stiller Blick auf unsichtbare Beeinträchtigungen

Verschwommene Umrisse mehrerer Menschen, die undeutlich und schemenhaft zu erkennen sind.

Wenn von Beeinträchtigung und damit verbundenen Barrieren gesprochen wird, denken die meisten Menschen an Rollstuhlfahrer*innen und die damit verbundenen äußeren Barrieren, oder an eine blinde Person und die damit verbundenen Herausforderungen. Doch es gibt noch viele nicht-sichtbare Beeinträchtigungen, die für große Herausforderungen und Barrieren im zwischenmenschlichen Bereich sorgen. Diesen Aspekt möchte ich gerne mit meinem Artikel in den Fokus rücken und genauer unter die Lupe nehmen. Was das für viele von uns bedeutet und was das mit uns macht.

Auf den ersten Blick wirke ich wie viele andere Menschen.

Ich gehe. Ich lächle. Ich spreche. Alles sieht „normal“ aus.

Doch das ist nur das, was andere sehen.

Es ist die Bühne meines Alltags.

Eine Kulisse, die ich jeden Tag neu aufbaue.

Hinter dieser Kulisse liegt meine Wahrheit: Ich sehe 2 % von der Welt.

Für andere ist das unsichtbar. Für mich ist es eine Welt aus Schatten, Lichtflecken und verschwommenen Formen.

Ich bewege mich vorsichtig durch diese Welt. Ich suche Wege.

Ich nehme Mut zusammen. Oft leise. Oft ohne, dass es jemand merkt.

Was für andere Menschen „normal“ ist, stellt mich schon vor Herausforderungen.

Das Unsichtbare in mir und das Unsichtbare in anderen

Meine Sehbeeinträchtigung sieht man auf den ersten Blick nicht. Deshalb stoße ich manchmal auf Zweifel, Missverständnisse oder schnelle Urteile.

Doch gerade weil meine Beeinträchtigung unsichtbar ist, sehe ich andere Menschen anders. Nicht mit meinen Augen – sondern mit meinem Herzen. Ich erkenne Menschen, die ebenfalls im Verborgenen kämpfen: Zum Beispiel Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, wie z.B. meine Kollegin. Sie lächelt, obwohl sie Gespräche manchmal nur halb versteht. Sie versucht zu erraten, was gesagt wird.

Oder Menschen, die von Neurodiversität betroffen sind. Zum Beispiel Autist*innen oder Menschen mit ADHS. Von außen wirken viele von ihnen ruhig. Innen kämpfen sie mit vielen Reizen und Gedanken.

Ähnlich verhält es sich mit Menschen mit seelischen Erkrankungen. Sie wirken oft auf den ersten Blick normal, sogar fröhlich und auch unbeschwert. Doch auch viele von ihnen haben gelernt sich für die Bühne des Alltags zu maskieren. Eine Überlebensstrategie entwickelt, um komplette Isolation zu verhindern.

Auch Personen mit chronischen Erkrankungen. Ihre Körper kämpfen jeden Tag. Andere sehen das oft nicht. Auch hier geht es wieder darum, soziale Isolation zu vermeiden. Keinem zur Last fallen wollen.

Wie auch Menschen mit chronischen Schmerzerkrankungen. Ihre Schmerzen sieht man nicht. Aber sie machen Schritte schwer, Nächte kurz und Lächeln tapfer.

Ich sehe sie – meistens, weil mich meine eigene nicht sichtbare Beeinträchtigung sensibler für andere Menschen gemacht hat und ich aus eigener Erfahrung weiß, wie anstrengend es sein kann, wenn darauf keine Rücksicht genommen wird. Aber auch ich übersehen oder vergesse es manchmal, weil ich auch nur ein Mensch bin.

Unsichtbare Kämpfe die uns alle verbinden.

Unsichtbarkeit kann einsam machen. Sie lässt mich manchmal zweifeln: Bin ich genug? Wirke ich glaubwürdig? Muss ich immer wieder erklären, was man nicht sehen kann? Es gibt Tage, an denen ich stark bin, an denen ich kein Problem habe mich zu outen. Und Tage, an denen mir die Welt zu viel ist. Jede Begegnung mich anstrengt, weil ich keine Lust habe über meine Sehbeeinträchtigung zum unzähligsten Male zu sprechen. Aber dann muss ich mit den Folgen umgehen können, dass ich als tollpatschig, distanziert oder uninteressiert wahrgenommen werde. Es gibt Tage, an denen ich viel schaffe. Und Tage, an denen selbst kleine Dinge zu schwer werden. Doch ich weiß:

Ich bin nicht allein. Wir sind viele. Wir sind echt. Wir tragen unsere Geschichten im Stillen.

Wenn Menschen mehr hinter die Kulissen schauen würden, würden sie merken, dass „normal“ nur eine äußere Form ist. Dass jeder Mensch seine eigene Realität hat.

Dass Stärke manchmal laut ist – aber oft leise.

Sie würden sehen: Es braucht Mut, jeden Tag neu zu beginnen. Es braucht Kraft, mitzuhalten. Es braucht Vertrauen, um um Hilfe zu bitten.

Manchmal genügt ein einziger ehrlicher Blick, eine ehrlich gemeinte Nachfrage, ein bewusstes einfühlen in die andere Person, damit ein echtes Miteinander entstehen kann.

Was ich mir wünsche – für mich und für uns alle:

Weniger schnelle Urteile.

Mehr Zuhören.

Weniger „Du siehst doch „normal“ aus“.

Mehr „Wie geht es dir heute wirklich?“.

Weniger Vergleiche.

Mehr Vertrauen.

Mehr Menschlichkeit, die keine Beweise verlangt.

Unsichtbar bedeutet nicht unbedeutend.

Meine Sehbeeinträchtigung ist oft eine Einschränkung – aber sie hat mein Inneres geöffnet. Für Geschichten, die man nicht erkennt. Für Stärke, die man nicht sieht. Für Kämpfe, die im Dunkeln stattfinden. Für leise Held*innen, die weitergehen.

Unsichtbare Beeinträchtigungen sind nicht weniger real, nur, weil man sie nicht sieht. Sie sind Wege, die wir im Schatten gehen. Sie sind Mut, der nicht schreit. Sie sind Menschlichkeit in ihrer stillsten Form. Doch ich sehne mich, wahrscheinlich wie die meisten von uns, dazuzugehören, nicht auf meine Beeinträchtigung reduziert zu werden, sondern als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Denn ich bin viel mehr als nur meine Beeinträchtigung. Ich bin Ich plus meine Beeinträchtigung und erst, wenn Rücksicht auf meine Beeinträchtigung genommen wird, bekomme ich die Chance mich zu zeigen, wer ich wirklich bin. Und das wünsche ich mir für jeden von uns.

Janine Vater, Startklar Soziale Teilhabe

 

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