In der Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen ist Elternarbeit herausfordernd – und gleichzeitig unverzichtbar. Die Wohngruppe Ergoldsbach zeigt, wie mit Kreativität, interkultureller Kompetenz und pragmatischen Lösungen der Kontakt zu den Eltern dennoch gelingen kann.
Elternarbeit auf Distanz
Elternarbeit ist auch und gerade in der pädagogischen Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen zentral. Die Zusammenarbeit mit Eltern über weite Distanzen ist jedoch mit einigen Herausforderungen verbunden: Sprachbarrieren, Zeitverschiebung, instabile Internetverbindungen und fehlende datenschutzkonforme Kommunikationskanäle erschweren den Kontakt.
Ein Hindernis war bisher die Sprache: Da keine Dolmetscher*innen für Elterngespräche zur Verfügung stehen, waren Gespräche mit den Eltern kaum möglich. Umso wertvoller ist es, dass zwei unserer Mitarbeitenden Arabisch sprechen und aus Syrien stammen. Sie ermöglichen nun direkte Gespräche mit den Eltern.
Digital erreichbar
Ein weiterer Stolperstein war die Wahl des geeigneten Kommunikationskanals. Aus Datenschutzgründen ist WhatsApp auf Diensthandys nicht erlaubt, jedoch sind datenschutzkonforme Messenger-Apps in den Herkunftsländern der Jugendlichen oft nicht verfügbar oder funktionieren nicht. Bis vor Kurzem fanden deshalb Elterngespräche über die Handys der Jugendlichen statt – in deren Beisein, aber ohne die nötige Professionalität und datenschutzrechtliche Absicherung.
Um dem entgegenzuwirken, wurde ein Elternarbeitshandy eingerichtet: Darauf sind ausschließlich WhatsApp und eine Übersetzungs-App installiert. Kontakte oder Fotos werden nicht gespeichert, um den Datenschutz zu gewährleisten. Über dieses Handy führen die arabischsprachigen Mitarbeitenden nun Gespräche mit den Eltern–per Videocall, Audiocall oder mittels Sprachmemos.
Sprachliche Hürden überwinden
Auch die anderen Kolleg*innen können dank Übersetzungs-Apps wie DeepL oder ChatGPT Informationen an die Eltern weitergeben. So gelingt es, trotz Hürden, eine wertschätzende Kommunikation aufrechtzuerhalten und den Eltern einen Einblick in den Alltag ihrer Kinder zu geben. Da wir uns über die datenschutzrechtlichen Hürden bei WhatsApp bewusst sind, achten wir darauf, keine sensiblen oder personenbezogenen Daten über diesen Kanal zu kommunizieren.
Denn: Auch wenn die Eltern nicht in Deutschland sind und rechtlich kein Sorgerecht mehr ausüben, bleiben sie die wichtigsten Bezugspersonen der Jugendlichen. Sie verdienen es, gehört und eingebunden zu werden – ganz gleich, wo sie sich befinden.
Nächste Schritte
Um Eltern noch besser informieren und einbeziehen zu können, plant das Team der WG Ergoldsbach, eine kurze Vorstellung der Einrichtung, des Teams sowie des Trägers Startklar in verschiedenen Sprachen zu erstellen. So sollen Eltern gleich zu Beginn erfahren, wo ihr Kind lebt und wer es begleitet.
Trotz aller Herausforderungen zeigt die Wohngruppe in Ergoldsbach, dass gelingende Elternarbeit auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist – mit Kreativität, interkultureller Kompetenz und dem Willen, Familienbeziehungen zu stärken. Ziel ist es, die dabei entwickelten Strategien auch für andere Wohngruppen nutzbar zu machen – auch dort, wo keine arabischsprachigen Mitarbeitenden zur Verfügung stehen.
Ramona Lummer, Startklar Niederbayern