„Das geht vorbei“ – Wenn Verhalten zum Hilferuf wird

Was für uns Erwachsene – ob Eltern oder Fachkräfte – oftmals als schwierig oder irritierend erscheint, stellt für viele Kinder und Jugendliche einen inneren Überlebenskampf dar. Wenn junge Menschen durch Verhalten auffallen, das wir als problematisch wahrnehmen, steckt dahinter kein bewusster Unwille. Vielmehr handelt es sich um einen Ausdruck tiefer Überforderung – ein Signal, dass in ihrer Lebenswelt etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und sie nicht wissen, wie sie die Situation alleine bewältigen sollen. Zur Veranschaulichung stellen uns Fachkräfte drei reale, anonymisierte Fallberichte zur Verfügung.

Wenn Verhalten zum Hilferuf wird

Die Begleitung einer Jugendlichen im Freiwilligen-Kontext

Lenas Geschichte beginnt mit einem traumatischen Erlebnis, über das sie nicht sprechen kann. Ihre Eltern sehen nur die Auswirkungen: Sie wird traurig, still, zieht sich zurück, will ihre Freunde nicht mehr sehen und begräbt ihre Hobbies. Sie fragt um Hilfe, doch ihr wird gesagt, dass das normal ist für Teenager. In der Pubertät hat man das eben manchmal, das geht vorbei.

Neben ihren eigenen Problemen trägt Lena ihre Mutter mit, denn diese hat ebenfalls psychische Probleme. Wenn es der Mutter schlecht geht, managt Lena den Haushalt, darf dann niemanden sehen, soll ja nicht auffallen. Geht es der Mutter wieder besser, ist es so, als sei nie etwas gewesen, als gäbe es keine Probleme und als würde Lena nicht das letzte bisschen Energie, das sie hat, in die Aufrechterhaltung des häuslichen Lebens stecken.

Der Vater ist eine Ressource für sie, er hört zu, schraubt mit ihr an Autos. Doch er ist selten da, oft im Ausland, und auch er will das Bild der Familie nach außen aufrechterhalten. Lenas „pubertäre Phase“ geht nicht vorbei, sie wird zur ausgewachsenen depressiven Episode, sie hört auf zu essen, wird selbstverletzend. Endlich reagieren ihre Eltern, schicken sie zu einer Therapeutin, die sie weiter in eine Klinik für Essstörungen verweist. Doch auch dort ist Lena nicht richtig. Niemand hört ihr zu. Die Depression ist es doch, die ihr allen Willen nimmt. Aber in der Klinik geht es nur ums Zunehmen, also zwingt sie sich zum Essen und wird schließlich entlassen, doch die Schwere bleibt. Sie geht kaum noch zur Schule, verletzt sich weiterhin selbst.

„Ich hatte das Gefühl, als würde ich niemals älter als 16 werden.“

Mit der zweiten Therapeutin beginnt ein Aufwärtsschwung. Nach den Gesprächen fühlt sich Lena verstanden und um vieles leichter. Es folgen traumatherapeutische Ansätze und Elterngespräche. Doch die Last, die Lena trägt, hat sich inzwischen so angestaut, dass die Therapeutin nicht mehr alleine alle Themen bearbeiten kann.

Auf langen Druck von Seiten der Therapeutin beantragen die Eltern Hilfen zur Erziehung bei uns. Doch diese lassen sich auf Gespräche und Hilfestellungen nicht ein, bleiben in der Scheinkooperation. Wir wollen aber nicht aufgeben, fokussieren uns stattdessen auf Lena. Wir versuchen ganz niedrigschwellig einen Zugang zu ihrer Lebenswelt zu finden, gehen mit ihr spazieren, Kaffee trinken, essen, wandern, machen mit ihr Visionboards für ihre Zukunft, planen Reisen, die sie nach ihrem Abschluss machen will, suchen Lehrstellen und melden sie zum Führerschein an. Wir stehen morgens vor ihrer Tür und holen sie für die Schule ab, weil sie in ihrem Zustand nicht Bus fahren kann und will. Und dabei hören wir zu, bohren nach, geben Struktur, Stabilität, bieten Beziehung und Perspektive an und machen auch ein kleines bisschen Druck an den nötigen Stellen. Und langsam arbeitet sich Lena hoch, ihr Familiensystem verändert sich, sie findet neuen Mut, neue Freundschaften. Sie beginnt eine Ausbildung und schafft ihren Führerschein. Nicht, weil es große Gesten gab, sondern weil ihre Not ernst genommen und gesehen wurde, und sie irgendwann wieder eine Lebensperspektive für sich entwickeln konnte.

Ihre Worte, für alle jungen Menschen in gleichen Situationen und für alle Eltern und Fachkräfte, die daran verzweifeln wollen: „Nicht aufgeben. Es wird besser. Es macht einen Unterschied, auch wenn ihr es erst nicht bemerkt.“

Elisabeth Staber, Flexible Hilfen, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg

 

INFO

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Reihe „Wenn junge Menschen an ihre Grenzen kommen“, in der Fachkräfte anhand realer, anonymisierter Fallberichte zeigen, wie unterschiedlich sich Überforderung bei jungen Menschen äußern kann – und was es braucht, um sie wirklich zu erreichen. Die beiden anderen Teile der Reihe findest du ebenfalls hier auf dem Blog.