Anders – aber völlig richtig im Kopf! Neurodiversität im Fokus: Was Schulen wirklich brauchen

Kein menschliches Gehirn gleicht dem eines anderen – nicht einmal bei eineiigen Zwillingen. Diese schlichte, aber folgenreiche Tatsache beschreibt Prof. Dr. André Zimpel, Psychologe und Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Universität Hamburg, eindrücklich: „Unser Hirn ist lediglich so groß wie eineinhalb Stück Butter, aber es ist kompliziert wie eine Stadt. Schaut man sich nur einen Kubikmillimeter davon unter dem Mikroskop an, erkennt man dort mehr Verbindungen als die Milchstraße Sterne hat.“ Angesichts von 86 Milliarden Nervenzellen ist neuronale Vielfalt schlicht die Norm, keine Ausnahme.

Neurodivergenz ist kein Defizit

Viele Kinder gelten im Schulsystem als „auffällig“, weil sie bestimmte Normen und Erwartungen nicht erfüllen können, zumindest nicht ohne unverhältnismäßig große Anstrengung. Dabei liegt das Problem oft nicht bei den Kindern, sondern in einer Umgebung, die auf ihre Art zu denken und zu lernen schlicht nicht eingerichtet ist. Was sie brauchen, ist vor allem eines: einen Nachteilsausgleich.

Gleichzeitig gehen durch fehlende Förderung wertvolle Potenziale verloren. Menschen im Autismus-Spektrum erkennen Details mit einer Präzision, die in der Arbeitswelt echte Vorteile bringt – Hightech-Unternehmen berichten von viermal weniger Fehlern. Menschen im ADHS-Spektrum zeigen eine überdurchschnittliche Risikobereitschaft, die in vielen erfolgreichen Unternehmen nachweislich zum Erfolg beiträgt.

Was Schulen konkret tun können

Stephanie Fuhrmann, Autistin und Mitinitiatorin des Projekts „schAUT – Schule und Autismus“, bringt es auf den Punkt: Anpassungen im Schulalltag, die neurodivergenten Schüler*innen helfen, kommen letztlich allen zugute – auch den neurotypischen Kindern. Entsprechende Leitfäden, die aus umfangreicher Forschung und gelebter Erfahrung entstanden sind, zeigen, dass viele Maßnahmen leichter umzusetzen sind als oft angenommen.

Autismus-Coach Florian Malicke, der seine eigene Diagnose erst im Erwachsenenalter erhielt, beschreibt aus persönlicher Erfahrung, wie anders der Schulalltag hätte aussehen können – und wie er heute damit umgeht. Fachberaterin Stefanie Meer-Walter zeigt darüber hinaus auf, wie Schulen sich als Schulentwicklungsprozess schrittweise auf die Bedürfnisse neurodivergenter Schüler*innen einstellen können – von konkreten Maßnahmen im Unterricht bis hin zu strukturellen Veränderungen auf Organisationsebene.

Inklusion ist kein Wunsch – sie ist ein Recht

Jedes Kind hat das gesetzliche Recht, eine Regelschule zu besuchen. Inklusion ist also keine Frage des guten Willens, sondern eine gesellschaftliche Verpflichtung. Woran es oft noch fehlt, ist der Mut, die notwendigen Schritte auch tatsächlich zu gehen – und das Wissen, wie sie aussehen können.

Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg setzt sich dafür ein, dieses Wissen in die Praxis zu bringen: durch Vernetzung, Beratung und Formate, die Fachkräfte, Eltern und Betroffene zusammenbringen.

Buchtipp:

„Wahnsinnig intelligent – Die verborgenen Potenziale neurodivergenter Menschen“ von Prof. Dr. André Zimpel

In „Wahnsinnig intelligent“ zeigt Prof. Zimpel auf unterhaltsame Weise, wie unterschiedlich Menschen denken und lernen. Besonders wertvoll ist sein Blick auf Neurodiversität: Zimpel erklärt, wie Menschen mit ADHS oder Autismus die Welt oft auf einzigartige Weise wahrnehmen, Probleme kreativ lösen und besondere Stärken einbringen.

Ein inspirierender Lesetipp für alle, die verstehen möchten, wie „neurodivergente“ – also vielfältige – Denkweisen unser Zusammenleben bereichern und warum es sich lohnt, individuelle Talente zu erkennen und zu fördern.

Dieser Artikel entstand als Zusammenfassung des Fachtags „Neurodiversität im Fokus: Schule – Inklusive Praxis“, der am 19. November 2025 in Rosenheim stattfand. Ausgerichtet wurde er von der Startklar Soziale Arbeit gGmbH / Startklar Rosenheim-Ebersberg gemeinsam mit dem Sozialraumteam West Rosenheim.