Rechtsextremismus im Jugendtreff: Was können Fachkräfte tun?

Was tun?

In dieser Rubrik stellen wir Situationen aus unserer Praxis der Sozialen Arbeit vor, in denen es keine einfachen Antworten gibt. Wie reagieren, wenn Handlungsdruck entsteht, Emotionen hochkochen oder rechtliche Vorgaben und pädagogische Beziehungen in Spannung geraten? Mehrere Fachkräfte zeigen hier, welche Wege sie wählen würden – und wie vielfältig professionelles Handeln sein kann. Denn in der Praxis geht es selten um richtig oder falsch, sondern um begründetes Handeln im jeweiligen Moment.

Die Situation

Seit einigen Wochen verändert sich die Atmosphäre im Jugendtreff spürbar. Eine Gruppe von acht Jugendlichen dominiert den großen Aufenthaltsraum. Sie tragen Kleidung mit einschlägig rechtsextremen Codes, äußern sich immer wieder abwertend über Menschen mit Migrationsgeschichte, machen rassistische Sprüche und verbreiten rechtsextreme Parolen. Wer widerspricht, wird ausgelacht oder eingeschüchtert.

Viele der jugendlichen „Stammgäste“ bleiben inzwischen weg. Einige Jugendliche berichten der Fachkraft, sie fühlten sich im Jugendtreff nicht mehr sicher. Andere kommen einfach nicht mehr. Der Treff, eigentlich ein offener Ort für alle jungen Menschen, wird zunehmend als Raum wahrgenommen, der von einer Gruppe besetzt ist.

Heute betritt A., 15 Jahre, den Jugendtreff. Als er in den Aufenthaltsraum geht, verstummen die Gespräche kurz. Einer aus der Gruppe sagt laut: „Für Leute wie dich ist hier kein Platz.“ Mehrere lachen, einer stellt sich demonstrativ in den Weg. A. bleibt stehen, schaut zur Fachkraft, dreht sich schließlich wortlos um und verlässt den Jugendtreff.

Die Fachkraft hat die Situation beobachtet. Sie weiß, dass sie jetzt handeln muss. Gleichzeitig stellt sich eine Reihe schwieriger Fragen: Wann greift sie ein und wie? Wo verläuft die Grenze zwischen Provokation und menschenfeindlicher Ideologie? Wie schützt sie die Betroffenen, ohne sie zu schwächen? Und wie kann verhindert werden, dass der Jugendtreff dauerhaft zu einem von Rechtsextremen dominierten Raum wird?

Wie lässt sich die Situation deeskalieren?

  • Joachim Wetzky, Psychologischer Fachdienst, Jonathan Soziale Arbeit und Startklar Soziale Arbeit Oberbayern:

Für mich gilt eine klare Haltung: Extremismus – egal ob rechts, links oder islamistisch – ist nicht verhandelbar und muss konsequent angegangen werden. Jede Form von Menschenfeindlichkeit verletzt die Betroffenen und vergiftet den Raum.
In der Situation würde ich sofort sichtbar eingreifen und die Grenze klar benennen: „Solche Sprüche und Einschüchterungen haben hier keinen Platz.“ Der betroffene Jugendliche braucht Schutz und Unterstützung.
Gleichzeitig setze ich auf Gespräch: Vor kurzem wurde ein schwarzer Junge in unserer Wohngruppe im Bus rassistisch beleidigt. Ich rief sofort die Mutter an. Wir setzten uns zusammen, jeder durfte sich erklären, es gab eine Entschuldigung und die Beiden haben sich wieder vertragen. Denn für mich gehört beides zusammen: Klarheit und Brücken bauen.
Der Jugendtreff muss ein sicherer Ort für alle bleiben – durch konsequente Regeln, aber auch durch intelligente, pädagogische Arbeit.

  • Elisabeth Worbs, Leitung Jugendtreff Werk34, Jonathan Soziale Arbeit:

Ich sehe es als Fachkraft in der offenen Jugendarbeit als Aufgabe, die Atmosphäre im Blick zu behalten und schnell zu reagieren, wenn sich diese ändert. Die offene Jugendarbeit lebt von der Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen, somit würde ich das Gespräch zu der Gruppe suchen, die den Raum dominieren. Dabei ist es für mich einerseits wichtig, die Jugendlichen nach den Hintergründen für ihr Verhalten zu fragen, andererseits aber klar Haltung zu beziehen. Der Jugendtreff ist ein Ort für alle. Es gibt Regeln an die sich gehalten werden muss und dazu zählt auch, keine Beleidigungen und rassistischen Äußerungen. Es ist die Aufgabe von mir als Fachkraft mit den Jugendlichen in einen Diskurs zu gehen und auch darüber zu sprechen, wo und wie sie sich über politische Themen informieren können. Sollte sich das Verhalten nicht verändern und dadurch sich andere Besucher*innen unwohlfühlen, würde ich in letzter Konsequenz ein Hausverbot aussprechen.

  • Moritz Tille, Pädagoge Jugendwohngruppen Landshut, Startklar Soziale Arbeit Niederbayern:

Ich würde als Reaktion auf die Gruppe der Jugendlichen, die die anderen ausschließen, zugehen und sagen, dass das Jugendzentrum ein Ort für alle ist. Ich würde sie für diesen Abend wegschicken und klarstellen, dass sie willkommen sind, wenn sie ihr Verhalten reflektieren und ich bereit für Diskussionen und Rücksprache in Einzelgesprächen bin. Dann würde ich mit den Jugendlichen, die weggeblieben sind, ins Gespräch gehen und mich entschuldigen, dass ich zu spät eingegriffen habe. Ich würde mit ihnen gemeinsam einen Vortrag zu Rassismus/rechtsextremer Ideologie organisieren und was dagegen getan werden kann. Ich würde versuchen. die Jugendlichen, die ich dem Jugendzentrum verwiesen habe, einzeln zu Reflexionsgesprächen einzuladen. Falls das Handeln reflektiert wird, würde ich es als Mediation mit den anderen Jugendlichen aufarbeiten und eine Entschuldigung herbeiführen. Falls keine Reflexion möglich ist, können sie nicht länger Teil des Jugendzentrums sein. Wird ein Raum von Rassismus dominiert, schließt er andere aus, und unsere Arbeit ist unmöglich.

  • Marina Miksch, Referentin der Landeskoordination „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, Bayerischer Jugendring:

Die Fachkraft, die einen Schutzauftrag hat, muss handeln und sich positionieren. Das verlangt Handlungssicherheit, Bewusstsein des Verbündet-Seins und ein Schutzkonzept der Einrichtung.

Statt ungefragt einzugreifen, sollte sie zuerst auf die betroffene Person zugehen und fragen, ob alles in Ordnung ist bzw. ob sie Hilfe braucht. Sagt die Person nein, bleibt die Fachkraft dennoch in ihrer Nähe – falls die Situation eskaliert, ist sie nicht weit entfernt. Will die Person Hilfe, muss sich die Fachkraft positionieren: den rechtsextremen Jugendlichen klar (nicht beleidigend) machen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. Lassen sie nicht ab, muss laut signalisiert werden, dass hier Grenzen überschritten werden. Sind gefährliche Gegenstände im Spiel, geht die Fachkraft nicht selbst ins Gespräch, sondern holt Polizei oder weitere Personen hinzu.

Falls es hier bei zuständigen Personen in Machtpositionen an Handlungsoptionen mangelt, hilft es immer, sich an Diskriminierungsstellen, Landeskoordinierungsstellen gegen Rechtsextremismus und in Bayern an B.U.D (bud-bayern.de) zu wenden, um Rat zu suchen.

  • Dagmar Kopriva, Jugendsozialarbeit an Schulen, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg:

Rechtsextremismus zeigt sich nicht nur durch Parolen oder Symbole, sondern auch durch Ausgrenzung, Einschüchterung oder Druck auf andere Jugendliche. Eine sozialpädagogische Fachkraft sollte betroffene Jugendliche zeitnah in einem geschützten Rahmen anhören, Vorfälle dokumentieren und gemeinsam mit Kolleg*innen und externen Expert*innen das weitere Vorgehen abstimmen. Werden Jugendliche aufgrund ihrer Haltung, ihrem Aussehen oder aus anderen Gründen unterdrückt, systematisch ausgegrenzt oder sogar massiv bedroht, ist ein konsequenter Schutz der Betroffenen erforderlich. Dazu gehören aus meiner Sicht eine klare Haltung der Fachkraft, transparente, gut verständliche Ansagen an die dominierende Gruppe und die Benennung von Konsequenzen, wenn die geltende Hausordnung des Jugendtreffs weiterhin missachtet wird und das geringschätzende Verhalten anderen gegenüber sich nicht dauerhaft verändert.

Für Jugendliche, die nicht mehr kommen wollen, ist es wichtig, weiterhin präsente Ansprechpersonen zu bleiben, Glaubhaftigkeit durch konsequentes Handeln herzustellen und gemeinsam an einer vertrauensvollen Basis zu arbeiten.

Außerdem können präventiv Projekte zu Demokratie, Menschenrechten und Medienkompetenz sowie die Förderung von Zivilcourage das Klima im Jugendtreff verändern und positiv stärken. Wichtig ist eine klare Haltung gegen jede Form von Diskriminierung und die Botschaft, dass Ausgrenzung und Einschüchterung im Jugendtreff keinen Platz haben.