Stellungnahme zur aktuellen Reformdebatte des SGB VIII

Als freier Träger der Jugendhilfe, der die Sozialraumorientierung nicht nur als Methode, sondern als inneren Kern seines täglichen Handelns versteht, verfolgen wir die aktuellen Diskussionen um den Referentenentwurf zur Reform des SGB VIII mit großer Aufmerksamkeit.

Die öffentliche Debatte ist derzeit stark von der Sorge geprägt, die Reform könnte als reines Instrument zur Kosteneinsparung und als Angriff auf Einzelfallleistungsansprüche missbraucht werden. Wir teilen das Wachsamkeitsgebot der Fachwelt, sehen in der Stoßrichtung der Reform aber vor allem eine historische Chance für einen echten Paradigmenwechsel.

Die Chancen: Vom Reparaturbetrieb zur inklusiven Infrastruktur

Aus unserer Sicht liegt die größte Stärke der Reform darin, dass sie den Blick auf die Ursachen von Problemen lenkt und nicht nur auf deren Folgen.

Wir sehen die große Chance der Reform darin, strukturelle Bedingungen so weiterzuentwickeln, dass Einzelfallhilfen dort überflüssig werden, wo präventive, lebensweltnahe Angebote greifen können.

  • Nachhaltiger Abbau von Teilhabebarrieren
    Viele Schwierigkeiten entstehen nicht erst im Einzelfall, sondern durch fehlende Zugänge, mangelnde Unterstützung oder ausgrenzende Strukturen.
    Wenn Jugendhilfe die rechtlichen und finanziellen Spielräume erhält, auf diese Bedingungen einzuwirken, können Barrieren, wie zum Beispiel die Ausgrenzung von Kindern, abgebaut werden bevor die Einzelfallprobleme entstehen.
  • Stärkung des Sozialraums
    Ein modernisiertes SGB VIII erlaubt es uns, Angebote flexibel, demokratisch und direkt im Lebensumfeld der Menschen zu verankern. Das stärkt die Selbstwirksamkeit von Familien und entlastet das System von komplizierten Antrags- und Überprüfungsverfahren
  • Prävention statt Krisenintervention
    Kinder- und Jugendhilfe sollte möglichst früh unterstützen und nicht erst dann aktiv werden, wenn eine Situation bereits eskaliert. Eine verlässliche Infrastruktur vor Ort kann Belastungen auffangen, bevor sie zu einer Kindeswohlgefährdung, einer stationären Hilfe oder einer langjährigen Hilfekarriere führen. Es geht darum, die Lebenswelt zu verändern, bevor „das Kind in den Brunnen gefallen ist“.

Die Risiken: Die Verengung auf den Rotstift verhindern

Eine gelingende Reform setzt voraus, dass der Gesetzgeber und die kommunalen Kostenträger die richtigen Weichen stellen. Wir sehen Risiken, die es im weiteren Verfahren konsequent abzuwenden gilt:

  • Fehlinterpretation als Sparmodell:
    Die Flexibilisierung von Budgets darf unter keinen Umständen dazu missbraucht werden, notwendige Mittel pauschal zu kürzen oder Rechtsansprüche im Einzelfall ersatzlos zu streichen, wo sie als notwenige Hilfe zwingend gebraucht werden.
  • Ungenutzte Ressourcen vor Ort:
    Der Aufbau robuster, sozialraumorientierter Strukturen benötigt die konsequente Nutzung aller verfügbarer Ressourcen vor Ort sowie einen vertrauensvollen Schulterschluss zwischen den Kostenträgern und den kommunalen freien Trägern zu einer
  • Bürokratische Blockaden:
    Wenn die Steuerung der Kommunen weiterhin in Mustern der alten Einzelfalllogik verhaftet bleibt, droht die Reform an der Praxis zu scheitern. Sozialraumorientierung braucht Gestaltungsspielräume. Es braucht

Fazit: Ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft

Wir wehren uns gegen die Erzählung, dass diese Reform primär dem Rotstift entspringt. Richtig verstanden und konsequent umgesetzt ist sie das Fundament für eine zeitgemäße, inklusive und nachhaltige Kinder- und Jugendhilfe.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schreibt in seinem Papier zur Reform des Sozialstaats:

„Wer die Ausgaben in der Kinder- und Jugendhilfe dauerhaft senken will, muss eine unbequeme Frage stellen: Warum steigen die Kosten überhaupt? Ein wesentlicher Grund ist, dass zu spät eingegriffen wird. Und das kostet am Ende mehr: stationäre Unterbringungen, intensive Betreuung, langwierige Verfahren.“ (DPWV Gesamtverband im Juni 2026).

Wir schließen uns dieser Bewertung vollumfänglich an.

Wenn es uns gelingt, den Fokus weg von der Verwaltung des Defizits und hin zur aktiven Gestaltung von Lebenswelten zu lenken, gewinnen wir alle. Dazu braucht es jetzt eine Verantwortungsgemeinschaft aller relevanten Akteure in den Kommunen, die nicht aus dem Anspruch einer punktuellen Reform, sondern aus dem Anspruch an einen langfristigen, nachhaltigen Wirkungshorizont zusammenwirken. Ziel ist es, Teilhabe für alle auf eine natürliche Art und Weise zu ermöglichen.

Die Weiterentwicklung der Jugendhilfe und die Modernisierung des SGB VIII sind kein reines Verwaltungshandeln und keine isolierte Sozialleistung – sie sind eine gesamtgesellschaftliche, zutiefst wertvolle Aufgabe. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, in denen jedes Kind und jede Familie die gleichen Chancen auf Teilhabe erhält. Wir als Träger stehen bereit, diesen Weg mutig, fachlich fundiert und voller Zuversicht mitzugestalten.

 

Susanne Coenen, Norbert Kuhn, Heinz Schätzel, Geschäftsführung Startklar Soziale Arbeit gGmbH

Josef Lutz, Geschäftsführung, Jonathan Soziale Arbeit gGmbH

Meline Mazinjan, Geschäftsführung, Startklar Soziale Arbeit Niederbayern gGmbH

Silvio Gödickmeier, Geschäftsführung, Startklar Soziale Arbeit Oberbayern gGmbH

Lea Mutzbauer, Geschäftsführung, Startklar Soziale Arbeit Rosenheim-Ebersberg gGmbH