Im Gespräch mit Teamleiterin Anna Dirnberger
Die Betweeners-Wohngruppe ist eine stationäre Jugendhilfemaßnahme mit sechs Plätzen für Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren, die einen intensivpädagogischen Bedarf haben. Anna Dirnberger leitet das Team der Wohngruppe. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Arbeit und davon, wie sie und ihr Team mit den täglichen Herausforderungen umgehen.
Welchen Herausforderungen begegnet ihr im Arbeitsalltag in der Wohngruppe?
Der zentrale Aspekt in der pädagogischen Arbeit ist die Vielfalt und Komplexität der Herausforderungen. Manche Kinder haben beispielsweise Schwierigkeiten, vertrauensvolle Beziehungen einzugehen. Teilweise fällt es den Kindern auch schwer, sich an Regeln und Tagesabläufe der Wohngruppe zu halten. Durch traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit können einige Kinder in für sie schwierigen Situationen emotional reagieren. Dabei können sie auch verbal sowie körperlich aggressiv gegenüber Betreuer*innen und anderen Kindern werden.
In diesem Alter entdecken die Kinder zudem ihre eigene Identität. Sie stellen vieles infrage – sich selbst, aber auch ihre Umgebung. Die Pubertät bringt starke Stimmungsschwankungen mit sich, und viele testen in dieser Zeit ihre Grenzen aus. Auch in der Schule kann es in diesem Alter Auseinandersetzungen geben, die teils über altersübliche Streitigkeiten hinausgehen und eine Intervention unsererseits erfordern. Auffällig ist, dass bestimmte Themen, wie Sexualität, Gewalt und Identitätskrisen, bei den Kindern immer früher eine Rolle spielen. Soziale Medien und Peer Groups können hierbei eine Rolle spielen. Gleichzeitig arbeiten viele Bildungseinrichtungen noch daran, ihr Angebot weiterzuentwickeln, um Prävention und Hilfe früher ansetzen zu können.
Zusätzlich stellen uns mangelnde Therapieplätze immer wieder vor eine Herausforderung. In einer intensivpädagogischen Wohngruppe können wir diesen Bedarf häufig nicht vollumfänglich auffangen.
Wie gelingt es euch, als Team bei solchen intensiven Herausforderungen zusammenzuhalten und wie werdet ihr unterstützt?
Wir besprechen in regelmäßigen Teamsitzungen die wichtigen Regeln, die jeder durchsetzen muss. Auf dem gleichen Stand zu sein ermöglicht, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Hierzu zählen Notfallpläne, die wir gemeinsam erarbeiten. So gibt es in Krisen einen festen Ablauf, an dem man sich orientieren kann. Generell nutzen wir die Teams und kollegialen Fallberatungen, auch mit anderen Wohngruppen, um uns gegenseitig zu helfen und Tipps zu geben.
Wenn ein*e Kolleg*in in einer festgefahrenen Situation steckt, tauschen wir im Dienst auch mal die Aufgaben und lösen uns gegenseitig ab. Das ermöglicht allen Beteiligten einen kleinen Neustart. Wir treffen uns im Team auch außerhalb der Arbeit und betreiben in diesem Rahmen Psychohygiene. Zum Beispiel veranstalten wir Spieleabende und tauschen uns auch mal über nicht arbeitsbezogene Themen aus.
Zudem können wir herausfordernde Fälle in Einzel- und Teamsupervisionen reflektieren. Eine Notfallnummer, die rund um die Uhr von einer Bereichsleitung besetzt ist, bedeutet für die Kolleg*innen zusätzliche Sicherheit. Außerdem bieten Verfahrensanweisungen, Notfallpläne, Fortbildungen und eine Wissensdatenbank eine wertvolle Basis als Unterstützung bei der Bewältigung schwieriger Situationen.
Welche Fähigkeiten benötigen Fachkräfte, um besser auf diese Herausforderungen vorbereitet zu sein?
Pädagogische Fachkräfte benötigen eine entsprechende Fachqualifikation. Der psychologische Fachdienst unterstützt sie durch Aufklärung über Diagnosen. So können sie die entwicklungspsychologischen und traumapädagogischen Mechanismen hinter dem Verhalten der Kinder verstehen. Dadurch sind sie in der Lage, angemessen darauf zu reagieren.
Zudem sind rechtliche Kenntnisse elementar, um bedrohlichen Situationen souverän zu begegnen. Das lückenlose Dokumentieren von Vorkommnissen und Vorgehensweisen ist besonders wichtig, damit sie auf mögliche Nachfragen gut vorbereitet sind. Ein abgeschlossenes Deeskalationstraining kann zusätzlich helfen, schwierige Situationen zu vermeiden oder zu beruhigen.
Um mit den Herausforderungen gut umgehen zu können, sind Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen, strukturiertes und lösungsorientiertes Denken, Strategien für den Umgang mit Konflikten und eine hohe Frustrationstoleranz wichtig. Ebenso entscheidend sind Teamfähigkeit, Empathie und gute Kommunikationsskills, um handlungsfähig zu bleiben.
Was könnte die Gesellschaft tun, um Kinder mit Problemen besser zu unterstützen?
Ein wichtiger Punkt ist, dass viele Menschen Berührungsängste haben, wenn Kinder sich aufgrund psychischer Belastungen ungewöhnlich verhalten. Kinder, die in einer stationären Jugendhilfemaßnahme leben, erleben dadurch oft Ausgrenzung, sowohl durch Erwachsene als auch durch andere Kinder.
Die Gesellschaft könnte hier viel bewirken, indem sie offener und verständnisvoller auf diese Kinder zugeht. Schulen, Vereine, Nachbarschaften und Freundeskreise könnten gezielt Unterstützungsangebote schaffen, die darauf abzielen, Vorurteile abzubauen und Inklusion im Alltag zu fördern. Auch Aufklärung über die Hintergründe von Verhaltensweisen, z. B. durch psychische Belastungen oder schwierige Lebensumstände, würde helfen, mehr Empathie und Verständnis zu entwickeln.
Zudem ist es wichtig, die Kinder ernst zu nehmen, sie in Entscheidungen einzubeziehen und ihnen zuzuhören. So kann die Gesellschaft dazu beitragen, dass Kinder in schwierigen Situationen nicht ausgegrenzt, sondern unterstützt werden.
Das Gespräch führte Carina Marko, HR, Startklar Soziale Arbeit Niederbayern