Offene Jugendarbeit bietet Jugendlichen Raum, sich auszuprobieren, Beziehungen aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig bedeutet das, Spannungen auszuhalten und gemeinsam Wege zu finden, schwierige Situationen zu meistern. Diesen Prozess hat das Haus der Jugend in Bad Reichenhall im vergangenen Jahr intensiv durchlaufen.
Ende 2024 stand das Team vor großen Herausforderungen: grenzüberschreitendes Verhalten, Aggressionen und Zerstörungen belasteten den Alltag. Die Ursachen lagen nicht allein bei den Jugendlichen. Mehrere Personalwechsel und –ausfälle hatten Verlässlichkeit und Absprachen geschwächt, gewachsene Beziehungen fehlten. Regeln waren unklar oder ohne Wirkung. Für viele Jugendliche wirkte dies wie ein Signal: „Hier läuft etwas schief.“ Ihre heftigen Reaktionen waren letztlich auch Ausdruck dieser Unsicherheit.
Die Eskalation erreichte ihren Höhepunkt, als Mitarbeitende bedroht wurden – ein für alle sicherer Betrieb war nicht mehr möglich. Gleichzeitig zeigte sich aber auch ein anderes Bild: Schon kurz nach den Vorfällen entschuldigten sich mehrere Jugendliche schriftlich. Dieser Schritt verdeutlichte, dass Beziehung und Verantwortungsübernahme weiterhin möglich waren.
Der folgende Übergangsbetrieb – Besuch nur mit Anmeldung – widersprach zwar dem Grundprinzip der Offenheit, war in dieser Phase jedoch notwendig. In einer großen Hauskonferenz wurden klare Hausverbote ausgesprochen – verbunden mit einer Perspektive: Wer am eigens organisierten Coolness-Training teilnimmt, darf in den Offenen Betrieb zurückkehren.
Seit April 2025 hat sich der Alltag dank eines neuen, stabilen Teams deutlich beruhigt. Beziehung ist dabei das zentrale Element. Ein festes Team schafft Verlässlichkeit, Orientierung und Vertrauen – etwas, das viele Jugendliche zuvor vermisst hatten. Mindestens drei Mitarbeitende sind pro Öffnungstag präsent und ansprechbar.
Ein transparentes Regelwerk unterstützt diesen Rahmen. Das Kartensystem – Gelb bei Verstößen, Rot mit der Konsequenz, den offenen Treff an diesem Tag nicht weiter besuchen zu dürfen – schafft Klarheit, ohne Handlungsspielräume einzuschränken. Die Entscheidung liegt bei den Jugendlichen selbst. Wer sich gegen die Regeln entscheidet, übernimmt damit die Konsequenzen. In kurzen Tür-und-Angel-Gesprächen wird Verhalten beharrlich reflektiert – ohne die Person infrage zu stellen. Besonders jene, die am Coolness-Training teilgenommen haben, gehen inzwischen deutlich reflektierter mit ihrem Verhalten um.
Heute nutzen rund 40 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren regelmäßig das Haus der Jugend. Die Atmosphäre ist bunt, lebendig – und spürbar entspannter. Die vergangenen Monate zeigen: Offene Jugendarbeit funktioniert dort, wo klare Haltung, Transparenz und echte Beziehung zusammenkommen. Ein sicherer Ort entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehungsarbeit, Klarheit und die Überzeugung, dass Jugendliche wachsen wollen, wenn man ihnen den Raum dafür gibt.
Kerstin Hogger, Öffentlichkeitsarbeit, Mathias Mayer, Hausleitung Haus der Jugend Bad Reichenhall, Jonathan Soziale Arbeit