Manege frei in Palling

Schulen folgen oft einem starren Konzept, in dem jedes Kind mit demselben Stoff gefüttert wird – die Grundschule Palling geht ihren eigenen Weg. Zwar ist Palling nicht das kleine unbeugsame Gallier-Dorf, doch die Lehrer*innen dort teilen mit den Galliern eine Portion Gelassenheit, Offenheit und Durchhaltevermögen.

Als Thema des jährlichen Sozialprojekts beschlossen die Lehrer*innen, Zirkus zu machen – und zwar nicht, indem sie ihre Kinder wegschicken, sondern den Zirkus direkt in die Schule holen. Als Projektleitung fragten sie dafür die langjährigen Partner Johanna Mayer und Heiko Ramminger von Jonathan Soziale Arbeit an.

Rektorin und Lehrer*innen starteten gemeinsam mit Jonathan in die Planungsphase, machten sich mit verschiedenen Zirkusdisziplinen vertraut und entschieden, welche sie mit den Kindern erproben wollten. Um allen 180 Kindern das Proben zu ermöglichen, holten sie zwei externe Pädagoginnen dazu. Da der Reifeunterschied von Erst- bis Viertklässlern groß ist, waren z. B. Seiltanz und Löwen- oder Pferdedressur eher für die Jüngeren vorgesehen, Trapez, Trampolin und Jonglage für die Älteren.

Die Zirkuswoche startete mit einem Workshop-Tag, an dem die Kinder in Gruppen jede Disziplin kennenlernen und ausprobieren konnten. Ein Grundsatz der Zirkuspädagogik ist Mitbestimmung – deshalb durften die Kinder am Ende zwei Disziplinen wählen, die sie die ganze Woche üben und später in einer Vorstellung zeigen durften.

In den nächsten drei Tagen trainierten die Kinder und Lehrer*innen in ihren Disziplinen. Manche, wie Seilspringen oder Minitrampolin, sind eher gewöhnlich – hier machen die Kinder die Erfahrung, dies in der Gruppe im Hinblick auf eine Vorstellung zu proben. In allen Disziplinen, vor allem den ungewöhnlichen wie Trapez, Laufkugel, Leiterakrobatik oder Jonglage, bietet die Zirkuspädagogik einen Erfahrungsraum: Kinder und Lehrer*innen lernen sich und andere in einem neuen Kontext kennen, wobei Beziehungserfahrungen im Inneren und Äußeren zentral sind. Es geht also nicht um Ausbildung zum Zirkus, sondern um Bildung durch Zirkus. Dabei bewegen sich Kinder und Lehrer*innen im Spannungsfeld zwischen Prozess- und Produktorientierung: Eine Probeeinheit soll offen und wenig zielgerichtet sein, um die Kinder auf ihrem Lernweg zu begleiten – gleichzeitig gipfeln die Proben in einer großen Vorstellung vor 500 Eltern und Interessierten, die mit gewissen Erwartungen anreisen.

Nach einer Generalprobe trafen sich die Kinder am Freitag zur großen Vorstellung. Eltern berichteten von Ein- und Durchschlafproblemen ihrer Kinder – Aufregung, Vorfreude und Bedenken waren bei allen Beteiligten spürbar. In einer zweistündigen Vorstellung mit Musik und Kostümen zeigten die Kinder ihr neues Können und begeisterten das Publikum. Weniger sichtbar, aber unverzichtbar war die Leistung des Kollegiums. Viele bewegten sich dazu außerhalb ihrer Komfortzone: Profis in Didaktik und Gruppenführung, Beginner im Bereich der Zirkuspädagogik. Ihr Einsatz ermöglichte die tolle Probenatmosphäre und die erfolgreiche Vorstellung im Sinne der Zirkuspädagogik – weit entfernt von Perfektion, reich an Erfahrungen, Gefühlen und Erfahrungsräumen.

Heiko Ramminger, Schulteam, Jonathan Soziale Arbeit