Wenn Verständnis mehr bewirkt als Strafe – ein Neustart mit JAS-Begleitung

Was für uns Erwachsene – ob Eltern oder Fachkräfte – oftmals als schwierig oder irritierend erscheint, stellt für viele Kinder und Jugendliche einen inneren Überlebenskampf dar. Wenn junge Menschen durch Verhalten auffallen, das wir als problematisch wahrnehmen, steckt dahinter kein bewusster Unwille. Vielmehr handelt es sich um einen Ausdruck tiefer Überforderung – ein Signal, dass in ihrer Lebenswelt etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und sie nicht wissen, wie sie die Situation alleine bewältigen sollen. Zur Veranschaulichung stellen uns Fachkräfte drei reale, anonymisierte Fallberichte zur Verfügung.

Neustart an der Mittelschule

Schulische und sozialpädagogische Begleitung als Schlüssel zur Stabilisierung

Der 15-jährige Carlos (Name geändert) hatte es noch nie leicht in seinem Leben. Aus schwierigen Verhältnissen kommend, hat er bereits auf Grund sehr auffälligen Verhaltens mehrere Schulwechsel hinter sich. Die letzte Station war ein Internat für schwer erziehbare Schüler, aus dem er vergangenes Jahr mitten im Schuljahr flog.

Seitdem wohnt er bei seiner alleinerziehenden Mutter. Im September hat sie ihren Sohn an der Mittelschule angemeldet. Seitdem geht er an seinem Wohnort in die Schule. Hier hat er einen besonderen, wohlwollenden Platz gefunden, der ihm Halt und Orientierung gibt. Lehrkräfte reagieren mit geduldigem Verständnis statt mit Sanktionen, wodurch er seine Verhaltensauffälligkeiten besser kontrollieren kann. Carlos weiß, dass er sich bei der JAS-Fachkraft in der Schule Unterstützung holen und sich in deren Büro eine kleine Auszeit nehmen kann, bis es ihm mental wieder besser geht. Die Schule bietet strukturierte Rituale, klare Regeln und regelmäßig positives Feedback, ergänzt durch Sozialpädagogik und schulische Unterstützung. In diesem sicheren Umfeld lernt er, Frustrationen rechtzeitig zu benennen, Pausen sinnvoll zu nutzen und Konflikte friedlich zu lösen. Bisher hat dieses Konzept gut geklappt, Carlos Verhalten hat sich deutlich, im Vergleich zu früher an anderen Schulen, verbessert. Die Mitschüler*innen entwickeln Empathie, während er Selbstvertrauen gewinnt. Wer Hilfe sucht, wird ernst genommen und begleitet. So wächst die Aussicht auf einen stabilen Weg durch die Schule und hinein ins Erwachsenwerden.

Dagmar Kopriva, JAS-Fachkraft, Startklar-Rosenheim-Ebersberg

INFO

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Reihe „Wenn junge Menschen an ihre Grenzen kommen“, in der Fachkräfte anhand realer, anonymisierter Fallberichte zeigen, wie unterschiedlich sich Überforderung bei jungen Menschen äußern kann – und was es braucht, um sie wirklich zu erreichen. Die beiden anderen Teile der Reihe findest du ebenfalls hier auf dem Blog.