Mit Machen

Diversität bedeutet Mehrwert

Vielfalt bedeutet Mehrwert

 

Ein Gespräch mit Lucia Wittmann über Diversität: Eine Annäherung an ein komplexes Thema

 

 

Wer bist du, was gibt es Interessantes über dich?

 

Mein Name ist Lucia Wittmann, ich bin 23 Jahre alt, wohne in Landshut und studiere aktuell im 2. Semester im Master „Diversität gestalten“ an der Hochschule Landshut. Vor knapp fünf Jahren bin ich aus dem tiefsten Bayerischen Wald für mein Bachelorstudium Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe nach Landshut gezogen. Bei Startklar bin ich seit April letzten Jahres und arbeite seitdem in der Wohngruppe Goethestraße.


Warum hast du dich für diesen Studiengang entschieden?


Ich habe mich schon während meines Bachelorstudiums viel mit Gesellschaftstheorien und Dynamiken auseinandergesetzt. Auch die Themen Feminismus und Rassismustheorien haben mich sehr fasziniert. Ich wollte in diesen Themenbereichen mein Wissen gerne intensivieren und da glücklicherweise die Hochschule in Landshut den perfekten Studiengang dafür anbietet, habe ich gedacht, das probier‘ ich doch jetzt mal aus. Zusätzlich bin ich sehr diskussionsfreudig und mir macht wissenschaftliches Arbeiten viel Spaß. Mich in ein Thema hineinzufuchsen, zu recherchieren, Theorien zu vergleichen, das gefällt mir. Und all das finde ich genau in diesem Studiengang. Außerdem habe ich mich in meiner Bachelorarbeit intensiv mit feministischen Bewegungen und den historischen sowie den heutigen Diskursen darum auseinandergesetzt. Das hat bei mir viele Fragen aufgeworfen: Wie sieht die Zukunft aus? Welche gesellschaftlichen Theorien hängen damit zusammen? Warum produziert unsere Gesellschaft Ungleichheit?


Was bedeutet Diversität eigentlich?


Ganz simpel übersetzt heißt Diversität Vielfalt und Vielfältigkeit, Heterogenität, Mannigfaltigkeit und Unterschiedlichkeit. Diversität in unserer eigenen Person, Diversität
in unserem täglichen Leben, menschliche Diversität, lebensweltliche Diversität, gesellschaftliche Diversität. Einerseits ist im sozialwissenschaftlichen Diskurs Diversität
im Sinne von individuellen, sozialen und strukturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Menschen und Gruppen gemeint. Andererseits auch im soziologischen
und ethnologischen Verständnis als ein Resultat von Differenzierungen und Differenzhandlungen in sozialen Interaktionen. Diversität kann also als etwas immer
schon Dagewesenes oder als etwas Produziertes gesehen werden.

 

Was bedeutet Diversität für uns als Betrieb? Wo sind wir schon gut? Wo haben wir noch Verbesserungspotenzial?


Für den Startklar-Betrieb heißt Diversität für mich, eine positive Sicht auf Vielfalt zu entwickeln. Vielfalt als Mehrwert zu sehen. Einerseits in Verbindung mit ökonomischen Vorteilen, was als Betrieb ja auch zusätzlich immer im Fokus steht, andererseits als ein Konzept der Akzeptanz im Sinn einer bewussten Anerkennung von Unterschieden. Betriebe können sich flexibler und besser durch Diversität aufstellen. Durch Diskurse und verschiedene Meinung entsteht ein erhöhtes kreatives Potenzial. Fortschritt durch Vielfalt ist meiner Meinung nach hier die Devise. Die Lernfunktion dabei ist, dass durch Diversität Begegnung mit dem Unerwarteten
entsteht, aus seinem eigenen Dunstkreis auszubrechen, sich der Veränderung zu stellen, so kann ein Betrieb in jeglicher Hinsicht wachsen. Startklar macht als ein Träger für den sozialen Bereich natürlich schon vieles richtig. Die Mitarbeiter*innen sind in jeglicher Hinsicht als vielfältig zu bezeichnen. Nur ist es wichtig, auch die Diversität im Unternehmen zu managen. Zu dieser Vielfältigkeit gehören auch konkrete Integrations- und Diversitätskonzepte und konkrete Maßnahmen gegen Diskriminierung und Rassismus. Der Startschuss um den Diskurs zum Thema Diversität wurde mit einem Workshop genau zu diesem Thema schon gegeben, was, wie ich finde, ein sehr bereichernder Austausch war. Allerdings ist es damit natürlich nicht getan. Ich finde, es sollten spezielle Fortbildung zum Thema angeboten und vor allem Führungskräfte hinsichtlich dessen geschult werden. Da Diversität nicht als ein Thema zu sehen ist, sondern als großes vielfältiges Themenfeld, könnte man es in verschiedene Bereiche aufsplitten, wie vielleicht eine Fortbildung zur rassismuskritischen Bildungsarbeit etc. Man kann auch schon im Kleinen anfangen, beim Gendern. Für manche unnötiger Kleinkram. Aber es geht dabei nicht darum, von Anfang an alles „richtig“ zu machen. Es geht darum, einen Anstoß zum Nachdenken zu geben und ein Zeichen
zu setzen. Nur durch Umdenken kann Veränderung entstehen, und wenn es das kleine Gendersternchen ist.

 

Welche Reaktion gibt es von den Leuten?


Natürlich gibt es sehr gemischte Reaktionen von Leuten zu dem Thema, die ich jetzt erlebt habe. Einige stempeln das als „Gutmenschentum“ ab. In der Politik fallen bei bestimmten Parteien ja auch Worte wie „Gendergaga“ und so weiter. Allerdings gibt es umso mehr positive Reaktionen von Menschen. Die sind dann interessiert und lassen sich auf Diskussionen ein, was sehr schön ist, da die Thematik genau vom Diskurs und unterschiedlichen Meinungen lebt.


Wie reagiert man auf Ablehnung und Vorurteile bzw. auf Missstände?


Da wir uns alle meiner Meinung nach von Vorurteilen nicht freimachen können, ist es wichtig, sich dieser bewusst zu werden und aktiv dagegen zu arbeiten. Genau
so ist es mit Ablehnung. Bei Missständen ist es wichtig, diese nicht zu negieren. Menschen ernst zu nehmen, die auf Missstände aufmerksam machen. Dabei ist es wichtig zu zuhören, auch wenn es manchmal für einen selbst unangenehm sein kann, weil man diese Missstände selbst reproduziert hat. Missstände gibt es und sie sind allgegenwärtig. Gesellschaftlich und individuell. Gerne wird in der Sozialen Arbeit gesagt, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollen. Allerdings finde ich, dass es mehr darum geht, Chancengleichheit zu ermöglichen. Da Menschen vielfältig sind und unterschiedliche Gegebenheiten mitbringen, ist eine Schablone nicht passend für alle.


Gibt es ein Buch, das du empfehlen kannst – egal welches?


Zum Einstieg finde ich das Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, sehr gut, um einen Einblick in die aktuelle gesellschaftliche Lage zu den Themen gesellschaftliche Strukturen Rassismus und Sexualität zu bekommen.


Interview: Öffentlichkeitsbeauftragte Startklar Soziale Arbeit Niederbayern

 

 

Content Management Software (c)opyright 2000-2011 by HELLMEDIA GmbH